Nikolaus brüskiert?


Liebe Blog-Leser,

ein Tag später heute mein Eintrag.

In den letzten zwei Wochen erreichte mich keine Zuschrift, sodass ich eigentlich die Feder ruhen lassen könnte.

Dennoch will ich kurz die Klage einer Mutter erwähnen. Sie erzählte mir letzte Woche am Telefon, dass im Hort, den ihre Tochter täglich besuche, der Nikolaus heuer nicht komme. Man wolle dort religiös neutral bleiben und verzichte auf diesen alten Brauch aus Rücksicht: Nicht-christliche Kinder könnten sich brüskiert fühlen.

Ich bedauere solche Entscheidung. In dem Vierteljahrhundert meiner Arbeit mit verhaltensauffälligen Kindern hatte ich nie Anlass zu einer Rücksichtnahme eben erwähnten Inhalts.

Konfessionslose, christliche und islamische Kinder hörten stets gespannt auf die Geschichten, die den heiligen Nikolaus als guten, hilfsbereiten Bischof auswiesen.

Interessiert etwa nahmen sie zur Kenntnis, warum der Heilige oft mit drei goldenen Äpfeln dargestellt ist: Der Vater dreier Töchter war so arm, dass er sie als Sklavinnen verkaufen musste. Der Legende nach hat Nikolaus nachts drei Äpfel durch das Fenster der notleidenden Familie geworfen. Diese Äpfel sind bis zum Auffinden am nächsten Morgen in Goldkugeln verwandelt worden. Die Familie konnte zusammen bleiben, den Töchtern war ein schlimmes Schicksal erspart geblieben.

nikolaus

Kein Kind nicht-christlicher Herkunft hatte sich von dieser Heiligenlegende „brüskiert“ gefühlt und ebenso wenig wurde das Erscheinen des heiligen Nikolaus in Begleitung seines Knechtes Ruprecht (Krampus) als Bekehrungsversuch missverstanden.

Es war mit der Praxis dieses schönen adventlichen Brauches in den Kindern und in uns Erwachsenen spannungsreiche Freude zu erleben, nichts anderes!

Gespräche mit Krippenkindern


Aus einer Zuschrift direkt hierherkopiert:

… denn Krippenkinder sind sprachlich nicht so fit, dass sie auf dem Level diskutieren können, wie man das in dem Buch über aggressive Kinder lesen kann. Für Kinder ab 6 in einem Hort ja, da sind die Gesprächsbeispiele total super in dem Buch von Ihnen, aber bei kleineren kann ich mir das nicht vorstellen.

 

Liebe Kollegin,

doch, auch „Krippenkinder“ sind nach dem, was mir Kolleginnen in Fortbildungsveranstaltungen rückmelden, über die von mir entwickelten Basalkriterien erreichbar. Freilich muss man Sätze vereinfachen.

Eine Erzieherin schilderte mir letztes Jahr in Leipzig ein Beispiel.

Ein Junge, vier Jahre, wir nennen ihn Mark, warf während des Tischdienstes einen Teller nach Basti, einem dreijährigen Gruppenmitglied. Er traf nicht, der Teller zerbrach laut am Boden. Die Erzieherin intervenierte sofort und erklärte Mark im Beisein der ganzen Gruppe und einer Praktikantin laut vernehmlich, dass sie solche Aktionen nicht dulde. Sie habe zudem Angst, dass etwas Schlimmes passieren könne.

Und dann ließ sie Mark „mündig“ (2. Basalkriterium) sein, also mit dem Mund aktiv.

Sie fragte Mark: „Was kann denn passieren, wenn du den Teller auf Basti wirfst?“

Mark konnte umgehend antworten. Wörtlich: „Dem tut das weh und vielleicht blutet.“

Damit realisierte die Erzieherin wunderbar das 2. Basalkriterium: Führung, die das Kind mündig sein lässt und respektiert.

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Der pädagogische Führungsanspruch ist auf diese Weise dialogisch umgesetzt. Außerdem lässt sich die Gelegenheit nutzen, bei aller Kritik am Verhalten auf die Antwort Marks anerkennend zu reagieren: „Richtig, du hast das genau kapiert!“

Der weitere Gesprächsverlauf kann sich dann so fortsetzen, wie meine Bücher ihn inhaltlich variabel darstellen.

Die Tochter fast umbringen


Wenn ich aber so wütend bin, dass ich meine Tochter „fast umbringen“ will?

So will ich die Inhalte einer Zuschrift zusammenfassen, die ich nicht hierherkopieren kann. Die Gedanken der Blog-Leserin sind ungeordnet aneinandergereiht.

Sie erzählt, dass sie ihre 15jährige Tochter aufgefordert hat, die Spülmaschine einzuräumen. Darauf entgegnete die Tochter, sie, die Mutter, solle doch ihren „Scheiß selber machen“ und sich von ihrem „Hengst decken lassen“, dann vergingen ihr solche dummen Sprüche. Daraufhin spürte die Mutter den Wunsch, ihre Tochter umzubringen. Sie schrieb, dass sie mehrmals schon bereut habe, dieses „Ungeheuer“ in die Welt gesetzt zu haben.

Ich gestehe ehrlich, dass mir eine Reaktion darauf schwerfällt. Und doch wenigstens ein paar Sätze dazu, da diese Zuschrift meinen Standpunkt (siehe letzten Beitrag vom 23. Oktober) kritisch aufs Korn nimmt!

Die Blog-Leserin erklärt, ihre Wut sei ein „furchtbares Gefühl“, da es die Wunschvorstellung befeuert, die eigene Tochter zu töten.

Ich übersetze das Anliegen der Blog-Leserin in die Frage:

Ist denn auch diese Wut okay und wichtig?

Im Blog und in meinen Büchern vertrete ich die Auffassung, dass wir auch Negativgefühle würdigen können und damit unsere (heil)pädagogischen Einflussmöglichkeiten weiten.

Selbstverständlich bin ich nicht der Meinung, dass fragliches Tötungsmotiv zu begrüßen sei. Allerdings bin ich überzeugt, dass dieses „furchbare Gefühl“ wertvolle Anteile enthält. Ich möchte es als ehrlich authentische Wiedergabe des mütterlichen Ergehens respektieren: Unserer Blog-Leserin geht es schlecht, die Kommunikation mit der Tochter passt nicht, etwas muss sich verändern, so kann es nicht weiter gehen!

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Diesen Befund regt dieses „furchtbare Gefühl“ an. Unsere Blog-Leserin kann denken: Meine Wut zeigt mir was. Meine Wut ist ein Alarmsignal und will, dass ich aktiv werde und mir Hilfe hole. Das will ich ernst nehmen und auf keinen Fall die Hände in den Schoß legen.

Eine familientherapeutische Sitzung könnte genau markieren, wo die Tochter ihre Grenzen weit überschreitet und wie sie sie einhalten kann. Dazu ist es notwendig, dass das „furchtbare Gefühl“ der Mutter als wichtiger Informant in Funktion kommt und therapeutische Ziele mitformuliert. Nichts kann diese Information über Veränderungsnotwendigkeiten überzeugender darstellen als eben dieses „furchbare Gefühl“.

Und genau darum kann es auch in diesem Extremfall ein großer Segen sein.

Wenig märchenhaft


Der Blog-Leser, auf dessen Zuschrift ich am 09. Oktober reagiert habe (s.u.), schrieb mir nochmals:

… Das ging mir eben aufn Docht, weil Sie so getan haben, als seien Kinder soooo lieb, dass man jedes Gefühl zeigen könnte. Jetzt schreiben Sie, dass Sie selbst als Psychologe von Kids vermöbelt wurden, in Ihren Veröffentlichungen. Wo denn bitte?

Lieber Blog-Leser,

die Antwort ist schnell gegeben. In meinem ersten Buch (oben im Bild rechts) „Aggressive Kinder? Systemisch heilpädagogische Lösungen“ erzähle ich in dem relativ kurzen Kapitel „Der Praxisschock“ (S. 11 ff), wie ich mit mir haderte, da mir ein Junge auf einem Münchner Christkindlmarkt „an den anatomischen Nachweis meiner Männlichkeit“ trat.

In meinem zweiten Buch (oben im Bild links) „Wenn Lukas haut. Systemisches Coaching mit Eltern aggressiver Kinder“ schildere ich im Kapitel „Beziehung lernen“ (S. 90 ff) meine Hilflosigkeit angesichts der massiven Attacke eines 9jährigen Jungen. Der schlug mir mit voller Wucht in die Nieren, da ich ihn damals nicht sofort mit den von ihm geforderten Süßigkeiten bediente.

Sie sehen also, das „Märchenschloss“, in dem ich Ihrer Vermutung zufolge mit Kindern zugange bin, ist so märchenhaft nicht. Wenig märchenhaft, sondern ganz „hartwirklich“ auch die Auseinandersetzung mit uns selbst, wenn wir Betreuer kindliche Gewalt erfahren haben. Es muss möglich sein, auch Wut zu empfinden, mag sie auch mit unseren fachlichen Idealen kaum vereinbar erscheinen.

wut

Dazu schreibe ich: „In unserem heilpädagogischen Arbeitsteam erlauben wir uns die Wut auf Kinder, die uns Erwachsenen wehgetan haben. Die Wut ist wichtig. Ich mache die Erfahrung, dass ich mit ihr gut arbeiten kann, wenn ich sie nicht verleugne. Die Wut kann zeigen, dass wir keine Beleidigungen und Schläge wollen. Wenn wir Kindern erlebnisnah mitteilen, dass wir uns nicht beleidigen und schlagen lassen, fördern wir sie. Es ist ihr Recht zu erfahren, dass und wie tragfähige Beziehungen begonnen und erhalten werden können.“

Wenn Lukas haut. Systemisches Coaching mit Eltern aggressiver Kinder, S. 94

Berliner Hauptschüler


Aus einer Zuschrift direkt hierherkopiert (der Absender weist sich nicht aus, ist aber sicher Berliner/in und bezieht sich auf den letzten Blog-Eintrag vom 25. September):

… Man darf sich fragen, wo Sie Kids unterrichten, wahrscheinlich in einem Märchenschloss. Wenn eine Lehrerin an einer Berliner Hauptschule heult, wird sie noch mehr durch den Fleischwolf gedreht. Sie schreiben ja „mit ihren Tränen körpersprachlich authentisch“. Das ist ja meschugge. Sie leben irgendwo, aber nicht hier, das muss ich Ihnen schon sagen. …

 

Zunächst: Ich unterrichte seit vier Jahren an einer Fachakademie für Sozialpädagogik, keine „Kids“ also, auch keine Hauptschüler. Nichtsdestoweniger bin ich im Verlauf meines Berufslebens als Psychologe selbst mehrmals Opfer von Gewalt seitens verhaltensauffälliger Kinder geworden (siehe meine Veröffentlichungen). Mein „irgendwo“, in das Sie mich hineinplatzieren, ist also die harte Alltagswirklichkeit.

Ich glaube nicht, dass Berliner Hauptschüler eine besondere Menschen-Spezies verkörpern. Schüler, die eine Lehrkraft „noch mehr durch den Fleischwolf drehen“, weil sie ihre Tränen zeigt, signalisieren ein hohes Maß an Gesprächsbedarf! Dieser Bedarf ist nach meiner Auffassung entschlossen und einfühlsam zu bedienen.

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Im zweiten Basalkriterium, das ich im systemischen Austausch mit Kindern für unerlässlich halte, plädiere ich für die Umsetzung eines zielbewussten Führungsanspruches: Wir setzen unmissverständlich Grenzen und zugleich bleiben wir mit Kindern in respektvollem Austausch.

Ich habe schon mehrere Male in Berlin Fortbildungstage gehalten. Keine Berliner Pädagogin neigte zu Ihrem desaströsen Befund.

Wenn wir auch rabiat erscheinenden Schülern im Gruppengespräch die Erfahrung ermöglichen, gehört und ernst genommen zu werden, gelten sie als wichtige und emotional kompetente Dialogpartner. Dürfen sie dies erleben, werden sie den Fleischwolf und die Lehrkraft in Ruhe lassen!

Das gilt ebenso in München wie in Berlin!

Vor den Schülern weinen?


Aus einer Zuschrift an anton.hergenhan@web.de direkt hierher kopiert (die Kollegin bezieht sich auf das kleine Büchlein aus der Reihe „Spickzettel für Lehrer: Keine Beleidigungen mehr! Respektvolles Miteinander im Unterricht“):

„ … denn vor allem Ihre Sprache ist ein Vergnügen. Mir fehlt allerdings in Ihrem Kapitel 4.1 „emotionale Erkennbarkeit“ etwas ganz Wesentliches. Sie schreiben von Wut und „Auf-den-Tisch-Hauen“ usw. Was soll man aber als Lehrkraft machen, wenn einem zum Weinen zumute ist? Vor den Schülern weinen? Das kann doch nicht Ihr Ernst sein! „Gefühle sind kein Nachweis für Schwäche“, schreiben Sie schön. Wenn man weint, aber schon! …“

 

Liebe Kollegin,

herzlichen Dank für Ihr Lob! Ich freue mich darüber und bin stolz!

Zugleich erlaube ich mir, Ihren Standpunkt nicht zu teilen! Tränen seien Nachweis von Schwäche? Keineswegs!

Ihre wichtige Zuschrift erinnert mich an eine Schlüsselszene aus den 90er Jahren.

In der heilpädagogischen Einrichtung, in der ich damals als Psychologe tätig war, hat ein Junge eine Erzieherin als „Hurenweib“ beschimpft und noch eins draufgesetzt: Die Mutter der Erzieherin sei wahrscheinlich auch eine Hure. Die dermaßen Beschimpfte brach in Tränen aus.

Ich war damals sehr froh, dass die Kollegin mit ihren Tränen körpersprachlich authentisch war, nicht davonlief und in der prekären Situation präsent blieb. Ich anberaumte sofort eine Vollversammlung. Alle Kinder und alle Pädagoginnen saßen am Tisch. Treffsicher konnten wir Empathiefragen stellen und sehr schnell fruchtbare Ergebnisse einfahren. Die Kinder waren selbst sehr betroffen und bestens in der Lage, sozusagen als Co-Therapeuten wirksam zu werden.

co

Aus dem Spickzettel für Lehrer „Keine Beleidigungen mehr!“, S. 101

 

Der Junge entschuldigte sich noch am selben Tag glaubhaft bei seiner Erzieherin (systemisch geführte Dialoge schildere ich in meinem ersten Buch „Aggressive Kinder? Systemisch heilpädagogische Lösungen“).

Nun darf ich Ihnen eine Rückfrage stellen: Der Junge hatte an den Tränen seiner Pädagogin unmittelbar und erlebnisintensiv erfahren können, was er angerichtet hat. Wie wäre das anders „möglicher“ gewesen?

Und, ich möchte Ihnen garantieren: Die Kinder haben in diesem Dialog kein einziges Mal Verletzbarkeit mit Schwäche verwechselt. Die Tränen der Erzieherin haben ihre Souveränität nicht gefährdet, sondern gesichert!

Schnuller gegen Angst


Aus einer Zuschrift an meine E-Mail-Adresse (anton.hergenhan@web.de):

In Ihrem Buch „Keine Beleidigungen mehr!“ meinen Sie, dass die Aggressionen von Kindern ein „Schnuller“ sind, der gegen ihre eigene Angst ein beruhigendes Mittel sein soll.

Ich finde, dass das eine verharmlosende Formulierung ist, denn dieser Schnuller macht Opfer, dieser Schnuller tut anderen verdammt weh. Wenn ich die Pausenaufsicht an unserer Schule übernehmen muss und Kinder gehen aufeinander los, denke ich mit Sicherheit an keinen Schnuller.

 

Liebe Blog-Leserinnen und Leser,

bevor ich auf den wichtigen Kommentar einer Lehrkraft aus Augsburg eingehe, ein kurzes Wort in eigener Sache. Ich bin nach Rückkehr aus Griechenland dem sozialen Netzwerk Facebook beigetreten, um systemischen Gedanken noch mehr Verbreitung zu ermöglichen.

Auf dieser Facebook-Seite möchte ich Aktuelles aus meinem Berufsleben mitteilen können und zugleich auf diesen Blog hier verweisen:

https://www.facebook.com/Anton-Hergenhan-1169645156410105/

Sie könnten, wenn Sie das möchten, mit mir unmittelbar über Facebook kommunizieren oder aber, wie bisher, diskret über diesen unseren Blog.

Ich bleibe bei dem Usus, alle 14 Tage auf unserem Blog Fragen von Lesern zu meinen Veröffentlichungen zu beantworten.

 

Liebe Kollegin,

sicher, eine Lehrkraft, die mit kindlichen Aggressionsbereitschaften  – zumal akut in der Zeit der Pausenaufsicht –  konfrontiert ist, wird eher daran denken, wie sie wirksam einschreitet. Bilder oder Vergleiche, mit denen wir unser Verständnis für innerseelische Prozesse in verhaltensauffälligen Schülern vertiefen wollen, liegen da fern.

Allerdings müssen wir uns aus meiner Sicht auch reflektorisch bzw. analytisch mit der Frage befassen, was in der Seele eines Kindes passiert, das Aggressionen zu seinem (Über)Lebensprogramm gemacht hat. Das Schnuller-Bild, das ich auf Seite 47 des von Ihnen genannten Büchleins verwende, will genau darauf antworten.

schnuller

Aus vielen Gesprächen mit „Monster-Kids“ weiß ich, dass die Triebfeder für aggressives Verhalten meistens in dem Versuch besteht, eigene Ängste und Verzweiflung zu betäuben. Ein Kind, das zuschlägt, erlebt seine eigene Angst nicht mehr: die Angst vor Einsamkeit und die Angst vor Nicht-beachtet-Werden.

Insofern erscheint mir der Schnuller-Vergleich durchaus passend: Der Schnuller, als orales Überbrückungsobjekt, beruhigt genau diese Angst des Säuglings, die sich in der Aggressionsbereitschaft älterer Kinder und Erwachsener sozusagen zurückmeldet oder eben chronisch gegenwärtig bleibt.

Das verheerende Schicksal von aggressiv auffälligen Menschen liegt nach meiner Meinung und Berufserfahrung darin: In ihrem Leben fehlen vertrauensvolle Beziehungen, die diesen Schnuller überflüssig machen könnten.