Nutzen für die anderen


Die Leiterin eines Kinderhorts aus Oldenburg

(direkt hierherkopiert):

„ … In unserer Arbeit kriegen wir es ja kaum auf die Reihe, in Fachlitertur zu schmökern. Da gucken wir gern in den Blog und holen usn da Inputs. Wir haben immer n schlechtes Gefühl, wenn wir Kindern Konsequenzen geben. Wenn Sie nun auch nicht gegen strafen sind, ist das ja ok. Auch wir geben nur sinnvolle Konsequenzen, wenn ein Junge einen anderen mit einem Schimpfwort angreift, dann lassen wir ihn den Tischdienst machen oder beim spülen helfen. Das ist dann auch nochn Nutzen für die anderen …“

 

Liebe Kollegin aus dem Norden,

es freut mich, dass dieser Blog für Sie fachliche Anregungen enthält.

Ja, so ist es: Ich bin nicht kategorisch gegen Strafen. Wenn sie in einem für die Kinder schlüssigen Sinnzusammenhang empfunden werden können, passen sie meistens.

Den Zusammenhang, den Sie nennen („Nutzen für die anderen“), passt aus meiner Sicht allerdings nicht. Dienste an der Gruppe bzw. Gemeinschaft sollten nicht in den Kontext von Strafen gezerrt werden.

Diese sozial wirksamen Arbeiten müssen prinzipiell als positive Akte gelten.

tischdienst

Wenn Sie, wie Sie schreiben, solcherlei Strafen verhängen, gerät der „Nutzen für die anderen“ zum Schaden des Bestraften. Die Kinder werden den Tischdienst in ihrem Denken als etwas Negatives abspeichern, als etwas zu Vermeidendes.

Sie können die Kinder um Vorschläge ersuchen und dabei betonen, dass der „Nutzen für die anderen“ etwas Wunderbares, etwas Schönes sei, und dass Sie deswegen mit ihnen zusammen andere „Konsequenzen“ diskutieren wollen.

„Konsequenz“ lassen!


Ein Kollege aus Limburg (direkt hierherkopiert), es empfiehlt sich, zuvor den Beitrag vom 15. Januar zu lesen:

„Da muss ich aber schon sagen, dass Sie kleinlich sind. Lassen Sie doch das Wort Konsequenz! Es ist ein neutraler Begriff und entlastet besipeislweise pädagogische Teamsitzungen. Wir wollen das Wort Strafe nicht. Es erinnert an die Nachkriegszeit … „

 

Lieber Kollege,

jedem wie er will! Wenn Sie das Wort „Strafe“ nicht wollen, dann lassen Sie es eben!

Mich interessiert allerdings: Wovon genau entlastet Sie denn der Begriff „Konsequenz“? Von dem Bewusstsein, dass Sie eben doch „strafen“?

Und dann: Ihr Begriffsgebrauch soll neutral sein? Das ist er gewiss, wenn Sie ihn auch in positiven Zusammenhängen verwenden.

Tom verrichtet für Justin, der krank ist, freiwillig den Tischdienst. Sie geben ihm dafür ein Vitaminbonbon. Nennen Sie diese süße Anerkennung auch „Konsequenz“?

puderzucker

Wer zumal in heilpädagogischen Arbeitsfeldern Strafen verhängt, sollte nach meiner Meinung sprachlichen Puderzucker vermeiden.

Strafen und ihre angemessene Anwendung, so meine Erfahrung aus pädagogischen Teamsitzungen, überlegt man sich als Pädagoge viel länger. Heißen Strafen aber „Konsequenzen“, ist man sehr schnell bei der Hand!

Ein Hoch also auf Kleinlichkeit!

Konsequenz = Strafe ?


Aus der Zuschrift einer Kölner Sozialpädagogin direkt hierher kopiert:

 

„ … weil ich nähmlich in Ihren Büchern nirgendwo was von Konsequenzen lese, wenn sich die Kiddis nicht an Regeln halten. Verdrängen Sie vielleicht ein wenig (sorry, nicht böse gemeint)? Ansonsten ihre Dialogvorschläge echt super! War schon oft ne Hilfe!“

 

Liebe Kollegin,

danke für Ihre erheiternde Zuschrift.

Mit „Konsequenz“ meinen Sie sicher Strafe.

Und wenn dem so ist, lade ich Sie ein, den Begriff Strafe zu verwenden. Wir tun uns keinen Gefallen, wenn wir mit beschönigenden Vokabeln sprachliche Kosmetik betreiben und uns so an der Härte unserer Arbeit vorbeischmuggeln (sorry, nicht böse gemeint).

Aber nun zu Ihrem inhaltlich völlig berechtigten Kommentar.

Meine Berufserfahrung zeigt tatsächlich, dass systemische Methoden leidige Strafen sehr oft überflüssig machen. In meinen Büchern schildere ich eine Dialogpraxis, an deren Ende Strafen häufig nicht mehr sein müssen.

Allerdings schließt der systemische Ansatz, wie ich ihn vertrete, Strafen im (heil)pädagogischen Alltagshandeln keineswegs aus, vor allem dann nicht, wenn die Strafen in inhaltlich schlüssigem Zusammenhang mit ihrem Anlass empfunden werden können.

Beispiel: Ein Junge löst während der Fahrt von der Einrichtung nach Hause im Sammeltaxi immer wieder den Gurt und provoziert aggressiv andere Kinder. Der Busfahrer meldet, dass der Junge, nennen wir ihn Max, trotz ausdrücklicher Absprachen die Fahrt extrem gefährdet.

Auf einem DIN-A4-Bogen sind kurz und knapp die „Busregeln“ schriftlich festgehalten. Dieser Bogen hängt für jedes Kind sichtbar an der Büro-Türe.

Es kann jetzt sehr sinnvoll sein, dass Max die Busregeln abschreibt, etwa:  „Ich bleibe angeschnallt“, „Ich bleibe ruhig sitzen“, „Beim Aussteigen denke ich an den Schulranzen“ usw.

strafe

Diese Strafe ist für Max von plausibler Qualität und hat hilfreiche Signalfunktion. Zweifelsohne mag er sie als etwas sehr Unangenehmes erleben und dagegen protestieren. Doch aber, so zumindest durchweg meine Erfahrung in der heilpädagogischen Arbeitspraxis, wird er bereit sein, diese „Konsequenz“ zu akzeptieren.

Sie sehen also, liebe Kollegin, ich verdränge nichts, ich lasse nur unerwähnt.

Ich danke Ihnen, denn eilends konnte ich hiermit nachreichen, worauf Sie zu Recht hinweisen.

Ohne Teufel


Letzte Woche erhielt ich eine anonyme Zuschrift (Mail-Adresse ohne Name).

Da bei mir an den Weihnachtstagen keine Anfrage zu den Inhalten meiner Bücher eintraf, kann ich darauf kurz reagieren. Die Zuschrift bezieht sich auf den letzten Beitrag vom 18.12.2016.

 

„… denn was der Junge von den Zeugen Jehovas da am Mittagstisch äußerte, steht ja in der Bibel. Er hat also nur getan, was die Bibel sagt, und darin ist eindeutig vom Teufel und seinen Dämonen die Rede. Ihre Religionsfreiheit geht also so weit nicht. …“

 

Lieber Blog-Leser,

Sie haben Recht. In der Bibel ist vom Teufel und seinen Dämonen die Rede.

An einer Stelle des Neuen Testaments wird er mit einem brüllenden Löwen verglichen: „Seid nüchtern und wachsam! Euer Widersacher, der Teufel, geht wie ein brüllender Löwe umher und sucht, wen er verschlingen kann.“ (1. Petrusbrief 5, 8).

In der Tat: Als der Junge am Mittagstisch vor dem Teufel warnte, orientierte er sich an dem, was die Bibel zweifelsohne diktiert, und woran Zeugen Jehovas fest glauben. Für diese Religionsgemeinschaft ist der Teufel ein reales Wesen.

Nur, seelisch belastende Angst-Propaganda ist niemals rechtens, auch dann nicht, wenn die Bibel dafür eine Grundlage bietet. In (heil)pädagogischen Einrichtungen haben wir die Pflicht, die Entwicklung der uns Anvertrauten zu fördern. Wir dürfen sie nicht durch völlig unnötige Ängste belasten (lassen). Die Angst vor dem Teufel ist eine völlig unnötige Angst, man kann gut, und nach meiner Meinung nur besser ohne sie leben.

kein-teufel

Und wenn Sie, lieber anonymer Blog-Leser, mir ein Quäntchen Sinn dieser Angst vor dem Teufel nennen können, dann tun Sie es!

Ich wünsche Ihnen und allen Blog-Anklickern ein gutes neues Jahr, ein Jahr voll Optimismus und Lebensfreude!

Anton Hergenhan

Gegen den Nikolaus


Ein Abschnitt aus einer Zuschrift, die auf den letzten Beitrag Bezug nimmt:

 

“ … Es gibt nämlich Eltern, die nicht wollen, dass die Kinder mit christlichen Bräuchen und mit christlichen Festen in Berührung kommen, und jetzt, was machen Sie jetzt? … “

 

Was ich „jetzt“ mache, kann ich Ihnen nicht sagen. Ich hatte fast 20 Jahre Leitungsfunktion in einer heilpädagogischen Einrichtung. Da konnte ich „machen“, also Entscheidungskompetenz ausüben. Heute arbeite ich „nur“ als Psychologe in Kinderheimen und als Dozent an einer Fachakademie für Sozialpädagogik.

Was ich gemacht habe, kann ich Ihnen aber mitteilen. Wenn Eltern nicht wollten, dass sich ihre Kinder an christlichen Bräuchen beteiligten, waren sie selbstverständlich davon dispensiert. Kein Mädchen oder Junge wurde zu irgendetwas gezwungen. Wenn also der Nikolaus kam und Eltern mochten nicht, dass ihre Kinder an der Feier teilnahmen, konnten sie daheim bleiben.

Die Religionsfreiheit halte ich für ein unverzichtbares Gut.

Ich kann mich gut erinnern: Ein Junge, der Zeuge Jehovas gewesen ist, legte großen Wert darauf, dass eine je aktuelle Ausgabe des „Wachturms“ (Zeitschrift dieser Religionsgemeinschaft) auf seinem Schreibtisch lag.

Dem Protest einer Lehrkraft, in einer katholischen Einrichtung gebühre sich das nicht, setzte ich kategorisch entgegen, dass der „Wachturm“ so lange auf dem Schreibtisch des Jungen bleibe, wie das für ihn wichtig sei!

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Meine Liberalität hatte allerdings Grenzen. Als der Junge während einer Mahlzeit begann, andere Kinder vor dem Teufel und seinen Dämonen zu warnen, schritt ich ein. Ich ließ ihn selbst reflektieren, dass seine Botschaft Angst mache. Und genau das untersagten wir, in aller Ausdrücklichkeit. Der Junge hielt sich daran.

Ich möchte allen Blog-Lesern eine frohe Weihnachtszeit wünschen.

Nikolaus brüskiert?


Liebe Blog-Leser,

ein Tag später heute mein Eintrag.

In den letzten zwei Wochen erreichte mich keine Zuschrift, sodass ich eigentlich die Feder ruhen lassen könnte.

Dennoch will ich kurz die Klage einer Mutter erwähnen. Sie erzählte mir letzte Woche am Telefon, dass im Hort, den ihre Tochter täglich besuche, der Nikolaus heuer nicht komme. Man wolle dort religiös neutral bleiben und verzichte auf diesen alten Brauch aus Rücksicht: Nicht-christliche Kinder könnten sich brüskiert fühlen.

Ich bedauere solche Entscheidung. In dem Vierteljahrhundert meiner Arbeit mit verhaltensauffälligen Kindern hatte ich nie Anlass zu einer Rücksichtnahme eben erwähnten Inhalts.

Konfessionslose, christliche und islamische Kinder hörten stets gespannt auf die Geschichten, die den heiligen Nikolaus als guten, hilfsbereiten Bischof auswiesen.

Interessiert etwa nahmen sie zur Kenntnis, warum der Heilige oft mit drei goldenen Äpfeln dargestellt ist: Der Vater dreier Töchter war so arm, dass er sie als Sklavinnen verkaufen musste. Der Legende nach hat Nikolaus nachts drei Äpfel durch das Fenster der notleidenden Familie geworfen. Diese Äpfel sind bis zum Auffinden am nächsten Morgen in Goldkugeln verwandelt worden. Die Familie konnte zusammen bleiben, den Töchtern war ein schlimmes Schicksal erspart geblieben.

nikolaus

Kein Kind nicht-christlicher Herkunft hatte sich von dieser Heiligenlegende „brüskiert“ gefühlt und ebenso wenig wurde das Erscheinen des heiligen Nikolaus in Begleitung seines Knechtes Ruprecht (Krampus) als Bekehrungsversuch missverstanden.

Es war mit der Praxis dieses schönen adventlichen Brauches in den Kindern und in uns Erwachsenen spannungsreiche Freude zu erleben, nichts anderes!

Gespräche mit Krippenkindern


Aus einer Zuschrift direkt hierherkopiert:

… denn Krippenkinder sind sprachlich nicht so fit, dass sie auf dem Level diskutieren können, wie man das in dem Buch über aggressive Kinder lesen kann. Für Kinder ab 6 in einem Hort ja, da sind die Gesprächsbeispiele total super in dem Buch von Ihnen, aber bei kleineren kann ich mir das nicht vorstellen.

 

Liebe Kollegin,

doch, auch „Krippenkinder“ sind nach dem, was mir Kolleginnen in Fortbildungsveranstaltungen rückmelden, über die von mir entwickelten Basalkriterien erreichbar. Freilich muss man Sätze vereinfachen.

Eine Erzieherin schilderte mir letztes Jahr in Leipzig ein Beispiel.

Ein Junge, vier Jahre, wir nennen ihn Mark, warf während des Tischdienstes einen Teller nach Basti, einem dreijährigen Gruppenmitglied. Er traf nicht, der Teller zerbrach laut am Boden. Die Erzieherin intervenierte sofort und erklärte Mark im Beisein der ganzen Gruppe und einer Praktikantin laut vernehmlich, dass sie solche Aktionen nicht dulde. Sie habe zudem Angst, dass etwas Schlimmes passieren könne.

Und dann ließ sie Mark „mündig“ (2. Basalkriterium) sein, also mit dem Mund aktiv.

Sie fragte Mark: „Was kann denn passieren, wenn du den Teller auf Basti wirfst?“

Mark konnte umgehend antworten. Wörtlich: „Dem tut das weh und vielleicht blutet.“

Damit realisierte die Erzieherin wunderbar das 2. Basalkriterium: Führung, die das Kind mündig sein lässt und respektiert.

kinder-reden

Der pädagogische Führungsanspruch ist auf diese Weise dialogisch umgesetzt. Außerdem lässt sich die Gelegenheit nutzen, bei aller Kritik am Verhalten auf die Antwort Marks anerkennend zu reagieren: „Richtig, du hast das genau kapiert!“

Der weitere Gesprächsverlauf kann sich dann so fortsetzen, wie meine Bücher ihn inhaltlich variabel darstellen.