Wir sind nicht allein


Den wertvollen Kommentar von Frau Lagies (siehe Eintrag vom 13.10.2013, unten an „Kommentar“ anklicken) will ich aufgreifen und dem heutigen Beitrag beifügen.

Ganz meine Auffassung wiedergibt unsere Kommentatorin: Angesichts kindlicher Aggressionen wahren wir Grenzen. Grenzverletzungen artikulieren wir deutlich.

Allerdings kann bei aller Reife einer „erwachsenen“ Pädagogin passieren, dass Hilflosigkeit Platz greift und die Not, damit allein zu bleiben, unerträglich wird. Ratlosigkeit und akutes Scheitern gehören zu unserem Beruf, keine erfahrene, keine hoch qualifizierte pädagogische Fachkraft ist davor gefeit!

Und ich geh noch weiter:

Wir müssen auch mal scheitern, wir müssen auch mal hilflos sein, wir müssen prinzipiell auf andere angewiesen bleiben. Wer in unserem dynamischen Berufsfeld glaubt, er könne als Macher Schweres stets alleine tragen, wird genau daran verzweifeln.

Die Angewiesenheit aufeinander darf nach meiner Auffassung nicht nur aus unserer Arbeitsnot resultieren. Sie muss vielmehr eine Methodik werden, die unser pädagogisches Handeln erst wirksam werden lässt und unsere Arbeitserfolge wahrscheinlicher macht.

Konkret:

In einem Kinderheim wird ein selbstsicherer, tough-minded Erzieher von einem 9jährigen Jungen „dummer Wichser“ genannt, weil dieser keine Lust hat, den Tischdienst zu verrichten. Der Erzieher könnte mit dieser Entgleisung und mit dem Jungen, wie man so sagen mag, gut allein „fertig“ werden.

Das will er aber gar nicht.

Denn er denkt systemisch und weiß: Ich arbeite vor allem dann effizient, wenn ich die Gruppe und mein Arbeitsteam zusammenrufe und diesen Vorfall mit möglichst allen Kindern und Erwachsenen bespreche. Und dann macht er folgende, spannende, manchmal sogar abenteuerliche Erfahrung: Die Kinder können es besser! Er allein mit dem Jungen? Auf keinen Fall! Seine Angewiesenheit auf die Hilfe der anderen ist nie und nimmer Nachweis seiner fachlichen Inkompetenz, sondern eine „irre Chance“.

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Vor allem in meinem ersten Buch „Aggressive Kinder? Systemisch heilpädagogische Lösungen“ sind Dialoge exemplarisch dargestellt, in denen Kinder unsere Angewiesenheit aufeinander, unseren chronischen Hilfsbedarf fruchtbar verwerten.

Darin wird eines deutlich: Wir gewinnen vor allem dann Souveränität, wenn wir auf diese programmatisch verzichten!

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Wir sind nicht allein,

genau davor kapitulieren,

genau damit triumphieren wir!

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Betratschung


Herzlich möchte ich den Autoren der drei letzten Kommentare danken. Herr Möhler pointiert trefflich mit dem Satz „Kämpfe niemals um die Wahrheit“ eine systemische Grundhaltung:

Es geht nicht um Rechthaberei, sondern um die Klärung von Standpunkten, die nun mal unterschiedlich sein können und allemal unterschiedlich sein dürfen.

Frau Lagies berührt ganz zu Recht einen wunden Punkt, der sich in Versuchen, Aggressionen mit Kindern zu bewältigen, oft empfindlich freilegt: Die Spaltung in Täter und Opfer hält sie für kontraproduktiv. Ich auch. Und zugleich gibt es zuhauf Situationen, in denen Täter klar zu definieren und als solche auch in Verantwortung zu nehmen sind. Und zwar um ihrer selbst willen! Aggressive Täterschaft macht einsam und ist in den meisten Fällen ein flehentlicher Ruf um Hilfe.

Der „ingod-Kommentator“ zieht ein systemisch hilfreiches Resümee aus unserer Diskussion und attestiert uns Versöhnlichkeit. Das darf uns ermutigen!

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Heute möchte ich eine Zuschrift zitieren, die auf unser Thema Bezug nimmt. Ich kopiere sie unverändert wörtlich hier an diese Stelle:

„…ich froh bin, dass einer mal die ganze Sach beim Namen nennt. In dem Heim wo ich als Erziehrin arbeite musste ich mich mal von einem Buben schlagen lassen. Die Heimleiterin hat gemeint wunder was sie tut, wenn sie mir den Fachdienst schickt, den Psychologen des Heims. Der wollte mir dann weiß machen, dass der Junge Traumas hinter sich hat. Der Kerl hat selbst Gewalt erfahren und lässt seinen Frust im Heim raus. Mir gings nachher total mies, da wurde nichst geklärt mit dem Jungen, am Schluss ist es so rausgekommen, dass ich eben Pech hatte, weil ich dem grad über den Weg gelaufen bin, und dass das alles nichts mit mir zu tun hat. Mir wird ganz schlecht, wenn ich dran denke …“

Sehr markant begegnet uns hier ein Phänomen, dem ich einen groben Fehlschluss zugrunde lege.

Verständnis ist das eine, Rechtfertigung das andere.

Wer beides in einen Topf wirft, erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass er an der Wirklichkeit vorbeidenkt und vorbeihandelt.

Die Wirklichkeit besteht, systemisch gesehen, nie aus nur einer Person. In unserem Fall ist das Aggressionsopfer, die Erzieherin, unverzichtbare Miterzeugerin von Wirklichkeit und darum aktiv ins Klärungsgeschehen zu holen. Es reicht also keineswegs, dass ihr der Psychologe „weismacht“, wie sehr der junge Aggressor selbst unter seiner desolaten Biografie leidet. Wichtig ist das unbedingt! Aber wirksame systemische Beratung darf sich nach meiner Meinung damit nicht begnügen. Der Anspruch der Pädagogin auf ihre eigene Unversehrtheit und Integrität muss zentrales Mit-Thema sein, ansonsten wird Beratung zur „Betratschung“. So formulierte delikat eine Erzieherin in einer Fortbildungsveranstaltung, die ich heuer in Leipzig hielt.

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Eine Begegnung zwischen dem Jungen und der Erzieherin, am besten im Rahmen einer Vollversammlung der ganzen Heimgemeinschaft, kann eine Auseinandersetzung in Gang bringen, an deren Ende Entschuldigung und friedliche Alltagsplanung möglich sind. Eines wird dabei unumwunden festgehalten:

Meine leidvolle Vergangenheit setzt mich nicht ins Recht, Mitmenschen, die mit dieser Vergangenheit gar nichts zu tun haben, gegenwärtig leiden zu lassen.

Nochmals: Erklärung und Verständnis okay! Und geradeso okay ist, dass kein einziger Schlag durch psychologisch angereicherte Erklärungen eine Rechtfertigung erfährt. Keine Pädagogin darf sich damit abfinden müssen, dass sie geschlagen wird! Der Schlag bleibt Unrecht, auch wenn er auf die schlimme Vergangenheit des Schlägers verweist.

Es ist kaum zu glauben und trotzdem an den Reaktionen der „Schläger-Kids“, die mir bereits zahlreich begegnet sind, immer wieder zu erkennen: Diese Eindeutigkeit entlastet auch und vor allem den Schläger, denn sie schafft elementare Voraussetzungen für die Reform seines Sozialverhaltens.

Auf diese Reform hat er ein Anrecht. Ein Anrecht auf die Erfahrung, dass er Menschen begegnet, die ihn mögen, die ihn liebenswert finden können.

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