Ich weiß es nicht


Auf meiner web.de-Adresse landete in den vergangenen zwei Wochen u.a. folgende Zuschrift, die ich wieder unverändert hierherkopiere:

… finde ich einfach total schön, dass Sie so gute Tipps haben und so kurz antworten können. Wann kommt eigentlich immer ein neues Thema? Ich könnte das jeden Tag lesen, was Sie da schreiben. Klicke ich den Blog an, dann ist erst viel später ein neues Thema. Jetzt hab ich doch noch eine Frage. Was sagen Sie denn, wenn das Kind auf die Frage „Worüber freue ich mich, wenn die Kinder kommen?“ sagt „Ich weiß es nicht“ oder gar nicht antwortet? Es geht ja nicht immer so gut hinaus, wie Sie das schreiben …

Lieber Blog-Leser,

danke für Ihr Lob! Es tut mir gut und beflügelt mich.

Ich setze alle 14 Tage einen neuen Beitrag ins Internet. Darum antworte ich Ihnen heute. Also zwei Wochen nach der letzten Veröffentlichung. Wieder so kurz wie möglich. Offenbar ist Kürze das Faible mehrerer Blog-Interessierter.

Wir greifen also den Dialog vom 05. Januar auf. Allen Blog-Neulingen empfehle ich die Lektüre des letzten Eintrages.

Nach der Frage der pädagogischen Fachkraft

„Susanne, worüber freue ich mich, wenn die Kinder kommen?“

entgegnet das Mädchen:

„Ich weiß es nicht!“

oder Susanne antwortet gar nicht und zeigt sich nicht dialogbereit.

Dann, lieber Kollege, werden Sie auf keinen Fall die Hände in den Schoß legen. Denn Sie möchten, dass Susanne die wichtige Grußregel lernt, umsetzt und verinnerlicht. In den mittlerweile 21 Jahren therapeutischer Zusammenarbeit mit verhaltensauffälligen Kindern hat uns in Momenten dialogischen Stillstands immer die Mithilfe der anderen Gruppenmitglieder wertvolle Stütze geboten.

In meinem ersten Buch gieße ich diese Erfahrung in das 6. Basalkriterium:

Einbau des kindlichen Bezugssystems

Kinderkonferenz

Andere Kinder werden mit Sicherheit die notwendigen Antworten bereitwillig und kooperativ formulieren.

Sensibel, also ohne Susanne einen Vorwurf zu machen, können Sie das ganze System Gruppe aktivieren und an alle die Frage richten:

„Susanne weiß es nicht. Das macht gar nichts, wir werden eine Antwort finden. Darum an alle: Worüber freue ich mich, wenn die Kinder kommen?“

Für den Fall, dass Susanne lange Zeit gar nichts sagt:

„Susanne sagt gerade nichts. Und das ist überhaupt nicht schlimm, wir werden eine Antwort finden. Darum an alle: Worüber freue ich mich, wenn die Kinder kommen?“

Die kostbaren Beiträge der Kinder mögen Sie dann wunderbar verwerten.

Mit der Kürze, die Sie wünschen, verträgt sich sicher noch ein lieber Gruß von mir …

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Sie mögen keine Warum-Fragen.


Liebe Blog-Leser,

zum neuen Jahr erreichte mich auf meiner web.de-Adresse folgende Zuschrift, die ich wieder unverändert hierherkopiere:

… Sie mögen keine Warum-Fragen. Ihr blaues Buch hab ich bis ein ¾ el gelesen, und da schreiben sie das immer wieder. Ich bin eine Erzieherin und will ganz kurz wissen, warum sie die Kinder keine Warum-Fragen stellen. Ich stell ja jetzt auch eine Warum-Frage. Sie erklären das schon, aber dann vergess ich das alles, und wenn ich im Alltag die Kinder doch „Warum“ frage, denk ich mir, dass es ohne das Warum ja gar nicht geht. Und da überleg ich mir dann, was Sie dazu sagen würden. Ich bin keine fleißige Leserin, deswegen bitte antorten Sie mir kurz. Nur dann kann ich mir das merken. …

 

Liebe Kollegin,

super, dass Sie fragen. Und ich will versuchen, Ihnen, so knapp es geht, zu antworten. Eine kurze Geschichte aus der Praxis mag Ihnen den Kern meines Standpunktes veranschaulichen. Diese Geschichte ist nicht erfunden, sondern selbst erlebt:

Mittags nach der Schule kommen gegen 13 Uhr mehrere Kinder an den Hort. Die Kinder rufen, an ihre Erzieher gewandt, ein freundliches „Hallo“. An diesem Hort gilt eine unabdingbar einzuhaltende Grußregel. Das Mädchen, das zuletzt erscheint, Susanne, grüßt nicht, legt den Schulranzen ab und beginnt sofort, mit einem anderen Mädchen zu spielen. Der Erzieher will Susanne auf die Grußregel hinweisen und beginnt mit der Frage: „Susanne, warum grüßt du nicht?“ Das Mädchen schaut verlegen, kann lange nicht antworten und meint dann kleinlaut: „Ich hab´s vergessen!“

Unbenannt88

Aus meiner Sicht hat es der Erzieher sich und dem Mädchen unnötigerweise schwergemacht. Diese Warum-Frage ist defizitorientiert, hat zu Folge, dass sich Susanne über einen Fehler Gedanken machen muss. Und, liebe Kollegin, stellen Sie sich vor, Susanne hätte „frech“ erwidert: „Ich hatte keine Lust!“ Dann hätte der Erzieher mit ihr darüber diskutieren müssen, dass ihre Unlust der Grußregel nachgeordnet bleiben müsse, dass sie sich allemal an diese Regel halten solle usw.

Eben weil die Warum-Frage im Hinblick auf Unerfreuliches zumeist Schwachstellen thematisieren lässt, stellen wir sie nicht. Wir fragen so, dass die Kinder das Erwünschte sich vergegenwärtigen, und zwar selbst. Wenn Sie Dreiviertel meines ersten Buches gelesen haben, kennen Sie Basalkriterium 5:

Lösungsentwurf des Kindes

Eine Frage, die Susanne auf die Lösung brächte, könnte der Erzieher so formulieren:

„Susanne, worüber freue ich mich, wenn die Kinder kommen?“ Das Mädchen könnte sofort antworten:

„Wenn die Kinder grüßen!“

Unmittelbar folgt dann ein Lob:

„Wunderbar, Susanne, du weißt Bescheid, du kennst dich aus! Sei doch so gut, und hol das nach!“

optimismus-pessimismus

Auf diese Weise arbeiten wir kompetenzorientiert. Warum-Fragen erwirken oft das Gegenteil.

Kurz genug geantwortet, liebe Kollegin?