Ermutigte Schülerin


Auf die Anregung in meinem Beitrag vom 19.03.2014, mir wertvolle Vorschläge zum Anliegen von „Frau Lauber“ zu schicken, habe ich u.a. folgende Zuschrift bekommen (kurzer Ausschnitt):

„… also ich würde auf die Tränen der Schülerin gar nicht eingehen und sagen, dass sie für ihre schlechte Note selbst verantwortlich ist und dass sie nicht weinen müsste, hätte sie ausreichend gelernt …“

 

Meine Antwort:

Der Appell unseres Blog-Lesers an die Selbstverantwortlichkeit der Schülerin ist gewiss logisch erklärbar: Er nimmt die Schülerin ernst, lässt sie Gestalterin ihrer Welt sein und propagiert prinzipiell Gültiges: Wir sind unseres (Un)Glücks Schmiede. Insofern auch logisch nachvollziehbar der Hinweis darauf, dass sich die Tränen des Mädchens erübrigen könnten, hätte sie „ausreichend gelernt“.
Wenn die Lehrkraft, Frau Lauber, systemisch lösungsorientiert arbeitet, wird sie sich mit dieser Logik allerdings nicht anfreunden. Dass die Schülerin (nennen wir sie einfach „Lisa“) weint, weil sie nicht „ausreichend gelernt“ hat, weiß Frau Lauber nicht. Es könnte geradeso sein, dass Lisa nicht lernen konnte, dass sie zuhause keine Ruhe fand, dass sie von schlimmer Prüfungsangst gepeinigt war usw.

Hilfreich ist systemisch allemal, dass sich die Lehrkraft mit Kausalvisionen zurückhält und Begründungszusammenhänge nicht konstruiert. Die Zeit, die der Gedanke kostet, warum Lisa nur zu einer schlechten Zensur in der Lage war, investiert Frau Lauber lieber in die Überlegung, wie sie künftig zu einer besseren Note kommen könnte.

Auch der nach meinem Empfinden eher abschätzige Hinweis auf die Tränen der Schülerin erscheint mir keineswegs hilfreich.

Wenn ein Mensch weint, signalisiert er damit eine Not, die es zu würdigen gilt! Der Signalcharakter der Tränen verbietet jede missfällige Andeutung über sie. Die Bemerkung, dass die Schülerin „nicht weinen müsste“, landet bei mir so: Die Tränen folgen nicht nur einer Not, sie sind selbst eine. Und das ist mit meinem Emotionsverständnis völlig unvereinbar. Im Kapitel meines neuen Büchleins „Keine Beleidigungen mehr“ weise ich im Kapitel über „Emotionale Erkennbarkeit“ Gefühle als „unverzichtbare Systemteilnehmer“ aus (Seiten 21 – 29). Als solche auch nutzen wir sie.

Die Schülerin wird also hören: „Du weinst, Lisa, und bist traurig. Du hättest gern eine bessere Note. Und wenn Du willst, überlegen wir später, wie du die bessere Note schaffen kannst!“

ich-schaff-es

Ein wertschätzendes Feedback dieses Stils, wird die Selbstverantwortlichkeit der Schülerin nicht ignorieren und zugleich den hohen Mitteilungswert ihrer Tränen (be)achten.

 

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