Systemisch Weihnachten feiern?


Liebe Blog-Leser,

gute Weihnachtswünsche geraten in diesen Tagen für viele zu fast unerträglichen Floskel-Konventionen. Und doch: Gerne adressiere ich diese Wünsche hier in diesem Blog an Sie und verbinde damit die Hoffnung, wir alle mögen das neue Jahr mit sattem Optimismus beginnen.

 

Eine Grundschullehrerin stellte mir in diesem Advent im Rahmen einer Fortbildungsveranstaltung die Frage, ob man auch „systemisch Weihnachten feiern“ könnte. Sie wolle mich mit dieser Frage „heiter provozieren“, meinte sie freundlich.

Gern ließ ich mich „heiter provozieren“, bejahte diese Frage selbstverständlich und verwies auf die Weihnachtskrippe: Maria, Joseph, das Kind Jesus, die Hirten, die Schafe, Ochs und Esel, die Engel, die heiligen drei Könige.

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Das Neue Testament erzählt im Lukasevangelium die Geburt Jesu nach meinem Dafürhalten potenziert systemisch.

Bethlehem ist psychologisch hoch bedeutsames System.

Vor allem Kinder verstehen das. Lassen Sie Kinder die heilige Familie aufstellen! Tom versicherte mir, als er den Joseph ganz nah an die Krippe „zu dem Baby Jesus“ stellte: „Der Jesus braucht seinen Papa ganz dringend, wenn der Papa bei ihm ist, hat er keine Angst. Und ich werd auch mal ein Papa, wo kein Kind mehr Angst haben muss!“

Tom holte aus dieser systemisch grandiosen Aufstellung seine eigene, ganz spezifische Weihnachtsfreude.

Herzlich

Anton Hergenhan

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… entschuldigen, weil ich meine Mutter verteidige?


Zum Verständnis der Inhalte folgender Korrespondenz:

In meinem ersten Buch „Aggressive Kinder?“ schildere ich folgende Szene:

Mark beschimpft Chris als „Hurensohn“. Chris schlägt daraufhin Mark, seinen Beleidiger. Ich trete dazwischen, halte Chris körperlich zurück, da er seine Schläge fortsetzen will. Chris beruhigt sich. In der darauf folgenden systemisch dialogischen Bearbeitung sieht Mark ein, dass er nicht nur Chris, sondern auch die Mutter von Chris beleidigt hat. Mark entschuldigt sich bei Chris. In meinem Buch fordere ich von Chris nicht, dass auch er sich bei Mark für die Schläge entschuldigt.

Eine E-Mai-Korrespondenz der vergangenen Woche kopiere ich ungekürzt hierher:

Sehr geehrter Herr Hergenhan,

mit großem Interesse habe ich Ihr Buch „Aggressive Kinder“ gelesen. Ich bin sehr fasziniert von Ihrem Ansatz.

Eine Frage geht mir jedoch nicht aus dem Kopf:

In dem ersten Fall, den Sie in Kapitel 7 schildern, entschuldigt sich am Ende nur Mark bei Chris dafür, dass er ihn als „Hurensohn“ beschimpft hat.

Eine Entschuldigung von Chris bei Mark dafür, dass er ihn geschlagen hat, wird aber offenbar nicht angestrebt.

Für Chris genügt es, dass er gelernt hat, warum wir uns nicht schlagen und dass es nicht uncool ist, miteinander zu reden und sich Hilfe zu holen.

Ich finde dies Kindern sehr schwer zu vermitteln. Beide Verhaltensweisen – Beleidigen und Schlagen – sind nicht wünschenswert, da sie den anderen verletzen.

Wir möchten den Kindern einerseits Handlungsalternativen zu ihrem Verhalten aufzeigen (z.B. reden, Hilfe holen, Wiedergutmachung) und andererseits eine Versöhnung einleiten.

Wäre es dann nicht wünschenswert, dass sich in diesem Konflikt beide Kinder für ihr verletzendes Verhalten entschuldigen?

Für eine Erklärung wäre ich Ihnen sehr dankbar!

Mit freundlichen Grüßen,

N.N.

 

Liebe Frau N.N.,

wie angekündigt, habe ich am Wochenende ein wenig Zeit für häusliche Belange. Und zu denen zählt unbedingt meine Antwort auf Ihre Anfrage.

In der Tat, Sie haben Recht: In meiner ersten Veröffentlichung habe ich lediglich die Entschuldigung des Verbaltäters („Hurensohn“) thematisiert. Zur ausdrücklichen Klarstellung: Auch der tätlich auffällige Aggressor nimmt zur Kenntnis, dass er Grenzen überschritten hat, dass Schläge auf keinen Fall hingenommen werden. Diese Kenntnisnahme erfolgt im Klima einer pädagogischen Kompromisslosigkeit, die u. U. sogar den körperlichen Einsatz der intervenierenden Fachkraft einschließt.

(siehe Seite 46 f.).

Dass ich die Entschuldigung von Chris nicht ins Feld führe, folgt keiner systemisch programmatischen Zielsetzung.

Wer im Kontext der von mir geschilderten Aggressionsbearbeitung von Chris eine Entschuldigung fordert, wird von mir keine Kritik hören.

Ich persönlich aber, und das fließt wohl in den Duktus meiner Veröffentlichung, unterscheide moral-logisch zwischen aktiver und reaktiver Gewalt. Chris´ Mutter wurde von Mark als „Hure“ diffamiert. Daraus leitet sich für Chris kein Recht ab, Mark niederzuschlagen. Ich wiederhole mich: In aller akut interventorischen Unmissverständlichkeit wird dies buchstäblich festgestellt. Aber, so die Frage hier: Lädt er „Schuld“ auf sich, da er reaktiv seine Mutter in Schutz nimmt? Auf diese Frage kann ich nicht eindeutig antworten. Um es ganz deutlich zu sagen: Ich bin hier unsicher. Und diese Unsicherheit verbietet mir eine methodologische Patent-Position.

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Ich habe einmal just diese Entschuldigung, deren Ausbleiben Sie anführen, verlangt. Das Kind reagierte mit der Frage: „Soll ich mich dafür entschuldigen, dass ich meine Mutter verteidige? Meine Mutter ist keine Hure!“ Daraufhin weinte der Junge. Ich mochte damals dem Jungen keine Diskussion mehr darüber zumuten, wie er seine Mutter anders verteidigen könne oder müsse.

Von diesem Jungen habe ich Wichtiges gelernt! Was? Unsicherheit! Genau die! Und die mahnt mich zur Zurückhaltung. Nochmals, wer im von mir erwähnten Konfliktkontext auf bilateraler Entschuldigungspraxis besteht, mag das tun.

Ich tu es, da unsicher (geworden), nicht (mehr).

Ich wünsche Ihnen einen schönen Sonntag!

Adventliche Grüße

Anton Hergenhan