Den Beruf verfehlt?


Eine Erzieherin, die zugleich Mutter eines verhaltensauffälligen Kindes ist:

„ …. Wissen Sie, dass das schon schwer ist, stolz auf die Kinder zu sein wie Sie das schreiben? Obwohl ich eigentlich Fachmann bin, hust Fachfrau, hab ich Erziehungsprobleme mit meinem Tom. Ich trau mich gar nicht an eine Beratungsstelle gehen. Wenn die Klassenlehrerin wieder mal ins Hausaufgabenheft reinschreibt, dass er wieder ein anderes Kind getreten hat, mein ich dass ich meinen Beruf verfehlt hab. Bin selbst Erzieherin und kanns selbst nicht, so denk ich dann. Shit is das …“

 

Liebe Kollegin,

zur Info an die Blog-Leser kurz ein Hinweis, worauf Sie sich beziehen.

In meinem ersten Buch über systemisch heilpädagogische Lösungen im Austausch mit verhaltensauffälligen Kindern vermerke ich:

“Darf ich am Schluss zugeben, wie stolz ich auf diese Kinder bin? Wenn ich niederschreibe, wie respektvoll und einfühlsam unsere Jüngsten miteinander umgehen können, geht´s mir einfach gut …”

(Hergenhan, Aggressive Kinder? Seite 88)

Liebe Kollegin, und Ihnen geht’s schlecht, wie Sie ehrlich schreiben: Als Erzieherin Schwierigkeiten haben in der Erziehung des eigenen Kindes, das kann beruflich verunsichern. Eine Beratungsstelle scheuen Sie vielleicht aus Angst vor abschätzigen Blicken oder Kommentaren seitens der Fachkollegen.

Lösungsorientiert würd ich im Gespräch mit Ihnen fragen, was Ihre Angst beruhigen könnte. Und da kämen Sie vielleicht auf die wunderbare Idee, dass eigene Probleme niemals schänden, und dass Ihr Hilfsbedarf so lange kein Problem sein muss, wie Sie ihn ehrlich und couragiert zugeben.

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Marc Aurel, römischer Kaiser (* 26. April 121 in Rom; † 17. März 180)

„Schäme dich nicht, dir helfen zu lassen!“ (Selbstbetrachtungen, Buch 7, Absatz 7)

Wenn ich beruflich Fehler mache, hilft mir stets ein Gedanke, der, mag er logisch sein oder nicht, meine aus professionellen Gründen entstandene Scham wirksam ergänzt: „Kein Dermatologe ist ein schlechter Arzt, wenn er selbst unter Psoriasis (Schuppenflechte) leidet, oder: Kein Zahnarzt disqualifiziert sich, wenn er sich von einem Kollegen behandeln lässt“.

Ich möchte Sie ermutigen, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen und dabei Ihre Angst mit zum Thema zu machen.

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Persönliche Distanz zu aggressiven Kindern?


Letzte Woche beteiligte ich mich in der Schweiz an einer Fortbildungsveranstaltung für Lehrkräfte einer Grundschule (am Zürcher See).

In der großen Mittagspause verwies eine Lehrerin auf mein Buch „Wenn Lukas haut“.

Darin schildere ich, wie ich selbst Opfer von kindlichen Aggressionen geworden bin.

„Kurt“, so nenne ich den Jungen in diesem Buch, hat mich seinerzeit an unserer Einrichtung „Scheißkerl“ genannt und mir in die Nieren geboxt. Dies erlaubte er sich, nachdem ich seiner Süßigkeiten-Forderung nicht sofort nachgekommen war (Wenn Lukas haut S. 90-95).

Ich plädiere in dieser Veröffentlichung dafür, dem Täter nicht sofort Gesprächsbereitschaft zu signalisieren. Die Lehrkraft in der Schweiz meinte, gesprächsbereit müsse man immer sein, der Betreuer müsse über der Sache stehen und jederzeit mit dem aggressiv auffälligen Kind im Gespräch bleiben.

Ich vertrete eine andere Meinung: Betreuer dürfen keine billigen Zielscheiben für kindliche Aggressionen sein. Sie tun gut daran, ihrer Verletztheit und ihrem Ärger Platz zu lassen.

Dazu kann es notwendig sein, dem Kind gegenüber zunächst persönliche Distanz zu halten, die da heißt: „Du hast mir wehgetan! Und das erlebe ich als Störung unserer Beziehung. Deswegen vorerst keine Nähe!“

Nach einiger Zeit kann bzw. muss der Kontakt wieder hergestellt werden.

Bis dahin erlebt das Kind, dass sein aggressives Verhalten beziehungsrelevant ist und abträgliche Wirkung haben kann. Eltern und Pädagogen, die ihrer Wut und ihrem Ärger im Dialog mit dem Kind keinen Raum geben, verschweigen eine wichtige Botschaft:

An den Grenzen des anderen müssen wir vorsichtig sein!

In dem Gespräch, das mit „Kurt“ nach einiger Zeit geführt wird, erfährt er Folgendes: Die erziehende, (heil)pädagogische Fachkraft nimmt keine Gewalt hin, weil ihr nicht egal ist, was er, „Kurt“, macht.

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Was könnte für den Selbstwert des Jungen in diesem Zusammenhang förderlicher sein?!     

 

Osternestsuche – kindisches Brauchtum?


Verspätet heute der Ostereintrag.

Bekam in den letzten Tagen immer wieder Anfragen, ob es sinnvoll sei, auch mit älteren Schülern, das in Bayern an Ostern übliche Osternest-Suchen zu starten. Darauf möchte ich mit einer Stellungnahme reagieren, die ich vor fünf Jahren bereits publiziert habe.

Wie jedes Jahr, so auch heuer: Im nahe gelegenen Wald unserer Einrichtung versteckten wir Osternester. Die Kinder machten sich auf die Suche nach diesen Tellern aus Pappe. Sie waren mit grüner Holzwolle gefüttert, in die hinein die heilpädagogischen Betreuerinnen liebevoll Schokoladeneier und Schokoladenhäschen legten.

Die Kinder, auch die älteren, waren begeistert. Jeder nahm daran teil, niemand fand diesen Spaß „uncool“. Sucherfolge wurden stolz präsentiert und die Freude darüber mit dem Verzehr einer süßen Nesteinlage zelebriert.

An unserer Einrichtung möchten wir, dass die Kinder die Feste des Jahres bewusst erleben. Sie wissen aus Gesprächen mit ihren Eltern, Lehrkräften und mit uns, dass die Christenheit an Ostern die Auferstehung Jesu feiert.

Das Leben steht auf, das Leben erhebt sich.

Sinnvoll also, dass Ostern in den Frühling fällt, in jene Jahreszeit, in der das Leben der Natur wieder aufblüht, wunderschöne Blumen die Wiesen färben und die Vögel mit ihrem lauten Gezwitscher auf sich aufmerksam machen.

Gestern beobachtete ich zwei schwarze Amselhähne, wie sie sich laut um das Paarungsrecht stritten, das die braune Amseldame unweit dem Stärkeren gewähren sollte.

Unsere Kinder wissen, dass Eier ein Lebenssymbol sind. In ihnen keimt und wächst das Leben, das aus ihnen aufbrechen will. Auch im Hasen zeigt sich uns ein Sinnbild beharrlicher Vitalität: Als Symbolträger besonders ergiebiger Fruchtbarkeit gehört er unbedingt hinein in die Galerie österlicher bzw. nachwinterlicher Metaphorik.

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Kinder, die über den Sinn der Feste informiert werden, freuen sich über ihre Ritualisierung, nehmen gerne teil an allem, was den Übergang vom Alten ins Neue markiert. Die kalte Jahreszeit ist vorüber, die wärmere beginnt. Die Freude darüber ritualisierte sich bei uns im Osternest-Suchen.

Kindisch? Meinetwegen! Allemal sinnvoll und für die Kinder von hohem Wert!