Schlechtes Gewissen ausreden?


Aus einer Zuschrift letzter Woche:

„… weil das jetzt keine direkte Frage zu Ihrem Buch ist. Ich lese gerade das gelbe Elterncoaching-Buch. Bei mir ist die Mutter von einem Jungen in Beratung, die ihren Jungen vor 4 Jahren in ein Heim gegeben hat als sie mit den Nerven fertig war. Seit einem halben Jahr ist er wieder bei ihr zuhaus, der Vater über alle Berge. Sie tut jetzt alles für ihr Kind, sie hat aber ein ganz schlechtes Gewissen ihrem Sohn gegenüber. Wie kann man ihr das ausreden? Sie leidet sehr darunter …“

 

Liebe Kollegin,

ein schlechtes Gewissen ausreden?

Das wäre nie mein Beratungsziel. Ich rede niemandem was aus. Das schlechte Gewissen der Mutter ist in dem von Ihnen genannten Fall unbedingt zunächst zu würdigen, etwa als Signal für das Motiv, dem Sohn nahe zu sein.

Sollte die Mutter dieses schlechte Gewissen „loshaben“ wollen und dies ausdrücklich als Veränderungsziel nennen, können sehr gut jene Methoden zur Anwendung kommen, die ich in meinem „Elterncoaching-Buch“ beschreibe.

sorryUnbenannt

Im Blick auf die darin publizierte Leitidee „Lösungsentwurf der Eltern“ beispielsweise ließe sich die Frage an die Mutter richten, welchen Anlass ihr Junge heute haben könnte, ihr die Heimeinweisung von einst zu verzeihen. Dann würde sie vielleicht aufzählen, was sie heute alles für ihn leistet. Das erwähnen Sie ja, liebe Kollegin: „Sie tut jetzt alles für ihr Kind“.

Und genau darauf ließe sich der Fokus lenken.

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Nachts allein – „nichts ausgemacht“


Aus einer Zuschrift zum letzten Beitrag vom 25.10.2015:

„ … denn wenn meine Mutter stinkig war mit mir, weil ich frech zu ihr am Nachmittag gewesen bin, hat sie mich allein ins Bett geschickt und das hat mir nichts ausgemacht. So schlimm ist das nicht, wenn ein Kind die Konsequenzen fürs Frechsein hat und dann allein ins Bett muss …“

 

Liebe Blog-Leserin,

klar, wenn für Sie als Kind diese nächtliche Einsamkeit nicht schlimm war, dann ist das Ihre Erfahrung, die für Sie Gültigkeit hat. Unbenommen!

Und meine Erfahrung, die ich als Psychologe im Austausch mit geängstigten Kindern machen konnte, ist folgende:

Der Unfriede, mit dem ein Kind in die Nacht allein entlassen wird, kann eine schwere seelische Belastung bedeuten.

Unzählige Male durfte ich im Verlauf der Ferienfahrten, die unser heilpädagogisches Team mit Kindern unternahm, höchst Erfreuliches erleben: Auch gravierende Konflikte, die untertags unser Zusammensein schwer belasteten, wurden spätestens vor dem Zu-Bett-Gehen gelöst.

ALLEIN Unbenannt

Und wenn dies nicht möglich war, dann ließ sich die Klärung ausdrücklich auf den anderen Tag verschieben. Allemal musste ein gutes Wort den Tag beschließen, etwa: „Wir werden morgen unseren Zwist klären, ich bin sicher, dass wir das gut hinkriegen“.

Die zuversichtlichen Kinderaugen überzeugten meine heilpädagogischen KollegInnen und mich restlos von der Angemessenheit dieser Vor- und Rücksicht. Es wäre fachlich unverantwortbar, Kindern jenes dicke Fell zu unterstellen, mit dem Sie, liebe Blog-Leserin, offenbar gut zurechtkamen. Sie hatten da gewiss eine Bewältigungskompetenz, zu der Sie zu beglückwünschen sind, die ich allerdings im Kontakt mit Kindern nie erlebte.

Keinem Mädchen, keinem Jungen war es jemals egal, ob die Nacht im Frieden mit der Umwelt und mit sich selbst beginnen konnte.

Unsere Heranwachsenden brauchen jedes gute Wort, das ihnen vor allem im Hinblick auf Konflikte die Sicherheit persönlicher Nähe vermittelt.