Das Schimpfwort „behindert“


Ein Kollege aus Würzburg in einer Mail an mich (Ausschnitt, er bezieht sich auf mein erstes Buch „Aggressive Kinder? Systemisch heilpädagogische Lösungen“):

 

„… So ist durchaus beeindruckend, mit welchem Aufwand Sie verbale Gewalt unter Kindern systemisch bearbeiten. Aber ist das nicht zu aufwändig? Sie können doch nicht bei jedem Schimpfwort alle Kinder zu einer Vollversammlung herzitieren …“

 

Lieber Kollege,

besten Dank für Ihr Kompliment – tut mir gut!

Bevor ich auf Ihre Mail reagiere, muss ich richtigstellen: Nicht ich bearbeite verbale Gewalt. Die Kinder sind die Bearbeiter ihrer Kommunikationspraxis!

Und Sie haben Recht: Eine Vollversammlung, in der alle Kinder in systemischem Stil über Ihre Kommunikation sprechen, ist aufwändig. Oft erscheinen Alltagspflichten (Hausaufgaben, Tischdienste u.ä.) vorrangig. Auf lange Sicht zeitökonomischer erlebe ich jedoch gerade aufwändig gestaltete Kinderkonferenzen.

Ein Bespiel: An unserer heilpädagogischen Einrichtung war mal ein Schimpfwort „in Mode“, mit dem sich vor allem Jungs immer wieder attackierten: „behindert“. Wer aneckte oder wie auch immer provozierte, wurde mit dem Wort „behindert“ tituliert. Das ging so weit, dass wir Sätze hörten wie: „Die Suppe schmeckt behindert!“

Ich kopierte aus dem Pschyrembel (Lexikon medizinischer Fachbegriffe) das Bild eines Down-Syndrom-Kindes. Die Kopien verteilte ich an alle Kinder, die sich zu einer Vollversammlung eingefunden hatten.

Meine Nichte Unbenannt

Meine Nichte Heidi

 

Diese Vollversammlung wurde methodisch so geführt wie in meinem ersten Buch beschrieben („Aggressive Kinder?“). Beim Blick auf dieses Bild antworteten die Kinder auf die Frage, wie es wohl einem behinderten Kind gehe, wenn es Folgendes zur Kenntnis nehmen müsste: Meine Behinderung, meine Einschränkungen werden als Beschimpfung verwendet.

Großartig antworteten die jungen Konferenzteilnehmer auf diese Frage. Sie investierten ein beachtliches Maß an Empathie.

Lieber Kollege, das war´s!

Dieses Schimpfwort hörten wir nach dieser aufwändigen Vollversammlung nie wieder (!). Auf das ganze Jahr gesehen eine Zeitersparnis ohnegleichen!

Advertisements

Count Your Blessings


Aus einer Zuschrift letzter Woche (direkt hierher kopiert):

“ … habe ich in einem Buch über Positive Psychologie gelesen vom “Count Your Blessings”. Kann man das auch mit nervigen Kindern machen? …“

 

Lieber Kollege,

mit „nervigen“ Kindern meinen Sie gewiss Kinder, die unseren besonderen pädagogischen/psychologischen Einsatz fordern.

„Count Your Blessings“ heißt wörtlich übersetzt „Zähle Deine Segnungen!“ In einem Lied von Irving Berlin findet sich der Satz „When I’m worried and I can’t sleep I count my blessings instead of sheep“.

Wenn Irving Berlin also beunruhigt und in Sorge ist, zählt er die Glücksmomente seines Lebens.

Gern bejahe ich Ihre Frage.

Jeder, Eltern, Pädagogen, Psychologen können im Austausch mit Kindern diese Übung Count Your Blessings durchführen und dabei die Erfahrung machen, dass unsere Heranwachsenden und auch wir selbst aufmerksamer werden für das, was im Miteinander gut gelingt.

Verstärkt wird diese Praxis durch etwas „Handgreifliches“, also durch einen Smiley oder ähnliches.

smUnbenannt

Ein Mädchen oder Junge nimmt einen Smiley (auf eine kleine Holzmünze gemalt) in die Hand und wird von der Erzieherin am Abend gefragt: „Worüber hab ich mich im Kontakt mit Dir heute gefreut?“ Das Kind wird auf die positiven Momente seines Tagesvollzuges aufmerksam und erzählt von sich Vorteilhaftes. Dadurch kann sich das Selbstbild des Kindes enorm verbessern.

Markus bat mich gestern höflich: „Kannst Du mir bitte ein Nutella-Brot schmieren?“ Ich darauf: „Sicher! Und was freut mich an Deinem Satz?“ Markus: „Na, dass ich höflich gefragt und bitte gesagt habe“.

Blessing ist in diesem Fall Markus´ soziale Kompetenz.

Unsere Übung können wir also auch an den Details des Alltags praktizieren. Vielleicht wirken wir Erwachsene damit auf unsere Kinder weniger „nervig“ … !

 

Als Psychologe an Weihnachten neutral?


In einer Zuschrift aus Bad Cannstatt (Stuttgart) formulierte sich eine mir bekannte Kritik auf meinen letzten Eintrag: Wenn ich mit Kindern das Weihnachtsfest begehe, starte ich den Versuch, Kinder christlich zu beeinflussen und zu missionieren. Ich kopiere einen Satzteil direkt hierher:

 

“ … da betreiben Sie doch Konfessionsarbeit und belehren Kinder religiös. Müssen Sie nicht als Psychologe neutral bleiben?“

 

Liebe Kollegin,

ja, das muss ich im Hinblick auf die Konfessionen der Kinder!

Das Weihnachtsfest ist mir nie Anlass, Kinder von der „Richtigkeit“ christlichen Glaubensguts zu überzeugen.

Sehr wohl aber dürfen, so denke ich, die Rituale des Jahresvollzugs unseren Heranwachsenden als Orientierungsangebote zur Verfügung stehen. Das Christentum hält nach meiner Berufserfahrung akzeptable Optionen parat, die Wochen des Jahres einzuteilen und ihnen Sinn abzugewinnen.

In der Jahreszeit kurzer Tage und langer Nächte bringt uns eine Legende aus der Bibel angesichts von Kälte und Dunkelheit die Dennoch-Durchsetzung familiären Zusammenhalts nahe. Sie können, liebe Kollegin, sicher sein: Wenn wir mit den Kindern zusammen die Bethlehemslegende differenziert und emotionstief durchsprechen, findet kein Religionsunterricht statt!

sfeUnbenannt

Ich entsinne mich einer sehr bewegenden Szene, lange ist´s her: Eine Kollegin schmückte am Tag der Weihnachtsfeier in unserer heilpädagogischen Einrichtung mit zwei muslimischen Jungs den Christbaum. Geradezu ehrfürchtig behingen sie unsere Fichte mit großen farbigen Kugeln, und in schier andächtiger Sorgfalt legten sie den Zweigen silbernes Lametta um. Auch an der Besprechung der Geschichte aus dem Lukasevangelium beteiligten sie sich engagiert.

Die Eltern riefen uns nach den Ferien im Januar an und erzählten, die Buben zuhause seien „total begeistert von Weihnachten“.

Und beide Kinder blieben Muslime …!