Keine Toleranz


Aus einer Zuschrift direkt hierherkopiert:

“ … die Frage, ob Sie da schon weitergekommen sind. In dem Buch, wo Sie die systemische Gesprächsführung mit Kindern darstellen, schreiben Sie auch, dass Sie einen Jungen, der einen anderen am Boden treten wollte, fest gepackt haben und zurückgerissen haben, damit er den am Boden nicht hat treffen können mit dem Fuß. Sie haben den fest gepackt und selbst Gewalt angewendet. Ist das nicht ein Widerspruch in sich?“

 

Liebe Kollegin,

danke für Ihre Anfrage.

In der Tat beschreibe ich in meinem ersten Buch Folgendes:

Vor der Heimfahrt mit dem Schulbus schlug ein zehnjähriger Schüler einem Gleichaltrigen mehrmals mit der Faust ins Gesicht. Der Geschlagene blutete aus der Nase und am Kinn, er lag schreiend am Boden. Noch bevor der Schläger ihm einen Tritt in den Rücken verpassen konnte, packte ich ihn und riss ihn zurück. … auch ich habe im Körper aktive Gewalt gespürt!

Aggressive Kinder? Systemisch heilpädagogische Lösungen, 2. Auflage, S. 46/47

 

Sie fragen, ob ich da schon „weitergekommen“ bin. Da Sie nicht klären, was Sie mit „weitergekommen“ meinen, muss ich einfach vermuten. Sie wollen vielleicht wissen, ob ich Alternativen zu meinem damaligen Handeln entwickelt hätte.

hhhUnbenannt

Meine Antwort: Nein! Nach wie vor bleibe ich dabei: Wenn ein Junge einen anderen, der am Boden liegt, treten und verletzen will, packe ich den Aggressor und reiße ihn zurück. Ich nehme in meiner Arbeit keine Opfer in Kauf. Dass ich dabei selbst Gewalt anwende, mag gern als Widerspruch interpretiert werden. Ich schreibe dazu auch deutlich, dass es mir seinerzeit damit nicht gut ging (S. 47).

Mit diesem Widerspruch muss ich auch gegenwärtig leben, da ich in der Zwischenzeit (6 Jahre) keine Toleranz Gewalttätern gegenüber entwickelt habe. Nochmals: Gern mögen Sie einwenden, dass ich dabei selbst potentiell zum Gewalttäter werde.

Ich dazu: ja, zum reaktiven!

Und das qualifiziert aus meiner Sicht fragliche „Gewalttat“, die das Opfer schützt und weitere Verletzungen verhindert, völlig anders.

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Nochmals „behindert“


Aus einer Zuschrift direkt hierher kopiert:

… finde es nicht schön, dass Sie den Begriff „Down-Syndrom-Kind“ verwenden, weil das ein Kind stigmatisieren kann. Schön finde ich total, wie Sie das mit der Beschimpfung gemanagt haben und die Kinder dann nicht mehr behindert als Schimpfwort gebraucht haben.

 

Liebe Kollegin,

Ihr Lob tut gut. Danke!

Und Ihre Kritik will ich sehr ernst nehmen. Schade, dass Sie mir keinen Alternativ-Vorschlag machen. Vielleicht wäre die Wendung „Kind mit Down-Syndrom“ besser. In meinem Beitrag vom 31. Januar will ich allerdings nichts verändern. Denn jeder Blog-Leser soll Ihre wichtige Kritik nachvollziehen können!

Nichte Unbenannt

Meine Nichte Heidi

Sie berühren ein heikles Thema.

In der Kinder- und Jugendhilfe verwendet man Diagnosen, um sich zu orientieren und um die Rechtsgrundlage für eine besondere Betreuung zu schaffen. So haben Sozialpädagogen, Erzieher und Psychologen in Teamsitzungen keinerlei Vorbehalte, von „ADHS-Kindern“ zu sprechen. Solche Sprache wird in diesen Fachkreisen nach meiner Erfahrung nie etikettierend verwendet. Keine Pädagogin aus meinem großen Kollegenspektrum will ein „ADHS-Kind“ diskreditieren, wenn sie in Fallgesprächen diesen Begriff verwendet.

Und doch legt dieser Sprachgebrauch – rein formal – nahe, ein „ADHS-Kind“ sei wesentlich von seiner ADHS-Störung charakterisiert, seine Identität sei hauptsächlich von dieser Diagnose her zu definieren. Nichts grotesker als solche Annahme!

Vielleicht wäre auch hier „Kind mit ADHS“ oder „Kind mit ADHS-Diagnose“ passender.

Nochmals, Ihre Kritik ist wichtig!

Niemals darf uns egal sein, was und wie wir über Kinder sprechen.