Täter im Recht?


Aus einer Zuschrift der vergangenen zwei Wochen (direkt hierherkopiert):

Ihre beiden letzten Beiträge sind wichtig für mich. Ich wurde in meiner Klasse als Kind von anderen gemobbt, weil ich zu dick war damals. Ich bin eine „fette Sau“ haben die gesagt. Das ist schon was anders als das was Sie hier beschreiben, aber es hat mir auch weh getan.

Und als ich zum Lehrer ging deswegen hat er gesagt, dass ich halt abnehmen soll, dann werd ich nicht mehr gemobbt. Ich hätt einen gebraucht wie Sie, der mich verteidigt hat. Und den hab ich nicht gehabt.

 

Lieber Blog-Leser,

danke für Ihren wertvollen Beitrag!

Unschwer zu erraten, dass ich Ihrem Empfinden von damals gut folgen kann und den Kommentar Ihrer ehemaligen Lehrkraft für skandalös halte.

Denn er orientiert sich an den Tätern und gibt Ihnen indirekt Recht!

Diese verhängnisvolle Täterorientierung erspart dem so denkenden Pädagogen die aufwändige Auseinandersetzung mit den Mobbern und nimmt in Kauf, dass sich Unrecht stabil hält.

Ihre Zuschrift erleichtert mich ein wenig. Hin und wieder werfen mir Kollegen einseitige Parteinahme für die Opfer vor.

Krokusse

Ich möchte Ihnen und allen Blog-Lesenden heute am Ostersonntag einen frohen, hellen und blumenreichen Frühling wünschen.

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Nochmals keine Toleranz


Ein Kollege aus Potsdam vor drei Tagen:

„Sie schreiben ja, dass Sie auch heute noch Gewalt gegen Gewalttäter anwenden. Außerdem halten Sie das für richtig. Ich kann Ihnen da schon folgen. Bevor ein Kind, das am Boden liegt, von einem aggressiven Typen getreten und verletzt wird, greifen Sie zu und verhindern das, indem Sie den Typen packen und zurückreißen.

Wenn Sie das für richtig halten, warum geht es Ihnen dann damit nicht gut? Brauchen Sie ein Feigenblättchen? Vielleicht halten Sie das im Unterbewusstsein doch für falsch. Sonst könnte es Ihnen ja gut gehen. Seit wann geht’s einem schlecht, wenn man richtig handelt?“

 

Lieber Kollege,

Ihre Frage macht mich betroffen und lädt ein, selbstkritisch nachzudenken.

Da ich nicht weiß, was Sie mit „Unterbewusstsein“ meinen, bin ich auf eine Vermutung angewiesen: Sie denken vielleicht, dass ich mein Handeln für richtig halte, und eigentlich ablehne. Mit anderen Worten:

Ich könnte der mir bislang verborgenen Auffassung sein, das am Boden liegende Kind sollte der Gewalt des Aggressors schutzlos überlassen bleiben.

Nach tiefem Schürfen in meiner Seele will ich Ihnen entschieden widersprechen!

Ich finde kein „Feigenblättchen“ und halte die reaktive Gewalt, die Verletzungen eines wehrlosen Kindes verhindert, für vollkommen richtig. Kein windiges Quäntchen Unsicherheit liegt da in meinem „Unterbewusstsein“ auf der Lauer.

Aber das beantwortet Ihre Frage nicht.

Wohlan denn:

Meine „Kunst“ im akuten Fall kindlicher Aggression speist sich allein aus meiner körperlichen Überlegenheit. Und die hat nach meiner Meinung wenig fachliches Niveau.

Muskel Unbenannt - Kopie

 

Hohes Niveau haben (heil)pädagogische Methoden, die von jedermann erlernbar und anwendbar sind. So etwa systemisch geführte Gespräche mit Kindern, wie sie in meinen Büchern zur konkreten Darstellung kommen. Jeder kann also Lösungsfragen, Empathiefragen oder zirkuläre Fragen einsetzen und testen, wie sie im Austausch mit Kindern wirksam sind.

Körperliche Überlegenheit kann man nicht vermitteln. Ein Erzieher, der körperlich dem Aggressor unterlegen ist, kann mit fraglichem „Lösungshandeln“ nichts anfangen. Und genau darum mein Unbehagen. Gute Methoden müssen prinzipiell jedem zur Verfügung stehen. Das gegenwärtig noch größere Volumen meiner Muskeln genügt diesem Kriterium eben nicht.

Genau darum ist es nach meiner Auffassung methodologisch von geringem Wert.

Sie sehen, lieber Kollege,

was man für richtig hält, muss nicht in jeder Hinsicht passen. Wie so oft: Neben Schwarz und Weiß gibt es eine stattliche Anzahl anderer Farben und Schattierungen!