Vor den Schülern weinen?


Aus einer Zuschrift an anton.hergenhan@web.de direkt hierher kopiert (die Kollegin bezieht sich auf das kleine Büchlein aus der Reihe „Spickzettel für Lehrer: Keine Beleidigungen mehr! Respektvolles Miteinander im Unterricht“):

„ … denn vor allem Ihre Sprache ist ein Vergnügen. Mir fehlt allerdings in Ihrem Kapitel 4.1 „emotionale Erkennbarkeit“ etwas ganz Wesentliches. Sie schreiben von Wut und „Auf-den-Tisch-Hauen“ usw. Was soll man aber als Lehrkraft machen, wenn einem zum Weinen zumute ist? Vor den Schülern weinen? Das kann doch nicht Ihr Ernst sein! „Gefühle sind kein Nachweis für Schwäche“, schreiben Sie schön. Wenn man weint, aber schon! …“

 

Liebe Kollegin,

herzlichen Dank für Ihr Lob! Ich freue mich darüber und bin stolz!

Zugleich erlaube ich mir, Ihren Standpunkt nicht zu teilen! Tränen seien Nachweis von Schwäche? Keineswegs!

Ihre wichtige Zuschrift erinnert mich an eine Schlüsselszene aus den 90er Jahren.

In der heilpädagogischen Einrichtung, in der ich damals als Psychologe tätig war, hat ein Junge eine Erzieherin als „Hurenweib“ beschimpft und noch eins draufgesetzt: Die Mutter der Erzieherin sei wahrscheinlich auch eine Hure. Die dermaßen Beschimpfte brach in Tränen aus.

Ich war damals sehr froh, dass die Kollegin mit ihren Tränen körpersprachlich authentisch war, nicht davonlief und in der prekären Situation präsent blieb. Ich anberaumte sofort eine Vollversammlung. Alle Kinder und alle Pädagoginnen saßen am Tisch. Treffsicher konnten wir Empathiefragen stellen und sehr schnell fruchtbare Ergebnisse einfahren. Die Kinder waren selbst sehr betroffen und bestens in der Lage, sozusagen als Co-Therapeuten wirksam zu werden.

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Aus dem Spickzettel für Lehrer „Keine Beleidigungen mehr!“, S. 101

 

Der Junge entschuldigte sich noch am selben Tag glaubhaft bei seiner Erzieherin (systemisch geführte Dialoge schildere ich in meinem ersten Buch „Aggressive Kinder? Systemisch heilpädagogische Lösungen“).

Nun darf ich Ihnen eine Rückfrage stellen: Der Junge hatte an den Tränen seiner Pädagogin unmittelbar und erlebnisintensiv erfahren können, was er angerichtet hat. Wie wäre das anders „möglicher“ gewesen?

Und, ich möchte Ihnen garantieren: Die Kinder haben in diesem Dialog kein einziges Mal Verletzbarkeit mit Schwäche verwechselt. Die Tränen der Erzieherin haben ihre Souveränität nicht gefährdet, sondern gesichert!

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Schnuller gegen Angst


Aus einer Zuschrift an meine E-Mail-Adresse (anton.hergenhan@web.de):

In Ihrem Buch „Keine Beleidigungen mehr!“ meinen Sie, dass die Aggressionen von Kindern ein „Schnuller“ sind, der gegen ihre eigene Angst ein beruhigendes Mittel sein soll.

Ich finde, dass das eine verharmlosende Formulierung ist, denn dieser Schnuller macht Opfer, dieser Schnuller tut anderen verdammt weh. Wenn ich die Pausenaufsicht an unserer Schule übernehmen muss und Kinder gehen aufeinander los, denke ich mit Sicherheit an keinen Schnuller.

 

Liebe Blog-Leserinnen und Leser,

bevor ich auf den wichtigen Kommentar einer Lehrkraft aus Augsburg eingehe, ein kurzes Wort in eigener Sache. Ich bin nach Rückkehr aus Griechenland dem sozialen Netzwerk Facebook beigetreten, um systemischen Gedanken noch mehr Verbreitung zu ermöglichen.

Auf dieser Facebook-Seite möchte ich Aktuelles aus meinem Berufsleben mitteilen können und zugleich auf diesen Blog hier verweisen:

https://www.facebook.com/Anton-Hergenhan-1169645156410105/

Sie könnten, wenn Sie das möchten, mit mir unmittelbar über Facebook kommunizieren oder aber, wie bisher, diskret über diesen unseren Blog.

Ich bleibe bei dem Usus, alle 14 Tage auf unserem Blog Fragen von Lesern zu meinen Veröffentlichungen zu beantworten.

 

Liebe Kollegin,

sicher, eine Lehrkraft, die mit kindlichen Aggressionsbereitschaften  – zumal akut in der Zeit der Pausenaufsicht –  konfrontiert ist, wird eher daran denken, wie sie wirksam einschreitet. Bilder oder Vergleiche, mit denen wir unser Verständnis für innerseelische Prozesse in verhaltensauffälligen Schülern vertiefen wollen, liegen da fern.

Allerdings müssen wir uns aus meiner Sicht auch reflektorisch bzw. analytisch mit der Frage befassen, was in der Seele eines Kindes passiert, das Aggressionen zu seinem (Über)Lebensprogramm gemacht hat. Das Schnuller-Bild, das ich auf Seite 47 des von Ihnen genannten Büchleins verwende, will genau darauf antworten.

schnuller

Aus vielen Gesprächen mit „Monster-Kids“ weiß ich, dass die Triebfeder für aggressives Verhalten meistens in dem Versuch besteht, eigene Ängste und Verzweiflung zu betäuben. Ein Kind, das zuschlägt, erlebt seine eigene Angst nicht mehr: die Angst vor Einsamkeit und die Angst vor Nicht-beachtet-Werden.

Insofern erscheint mir der Schnuller-Vergleich durchaus passend: Der Schnuller, als orales Überbrückungsobjekt, beruhigt genau diese Angst des Säuglings, die sich in der Aggressionsbereitschaft älterer Kinder und Erwachsener sozusagen zurückmeldet oder eben chronisch gegenwärtig bleibt.

Das verheerende Schicksal von aggressiv auffälligen Menschen liegt nach meiner Meinung und Berufserfahrung darin: In ihrem Leben fehlen vertrauensvolle Beziehungen, die diesen Schnuller überflüssig machen könnten.