Gespräche mit Krippenkindern


Aus einer Zuschrift direkt hierherkopiert:

… denn Krippenkinder sind sprachlich nicht so fit, dass sie auf dem Level diskutieren können, wie man das in dem Buch über aggressive Kinder lesen kann. Für Kinder ab 6 in einem Hort ja, da sind die Gesprächsbeispiele total super in dem Buch von Ihnen, aber bei kleineren kann ich mir das nicht vorstellen.

 

Liebe Kollegin,

doch, auch „Krippenkinder“ sind nach dem, was mir Kolleginnen in Fortbildungsveranstaltungen rückmelden, über die von mir entwickelten Basalkriterien erreichbar. Freilich muss man Sätze vereinfachen.

Eine Erzieherin schilderte mir letztes Jahr in Leipzig ein Beispiel.

Ein Junge, vier Jahre, wir nennen ihn Mark, warf während des Tischdienstes einen Teller nach Basti, einem dreijährigen Gruppenmitglied. Er traf nicht, der Teller zerbrach laut am Boden. Die Erzieherin intervenierte sofort und erklärte Mark im Beisein der ganzen Gruppe und einer Praktikantin laut vernehmlich, dass sie solche Aktionen nicht dulde. Sie habe zudem Angst, dass etwas Schlimmes passieren könne.

Und dann ließ sie Mark „mündig“ (2. Basalkriterium) sein, also mit dem Mund aktiv.

Sie fragte Mark: „Was kann denn passieren, wenn du den Teller auf Basti wirfst?“

Mark konnte umgehend antworten. Wörtlich: „Dem tut das weh und vielleicht blutet.“

Damit realisierte die Erzieherin wunderbar das 2. Basalkriterium: Führung, die das Kind mündig sein lässt und respektiert.

kinder-reden

Der pädagogische Führungsanspruch ist auf diese Weise dialogisch umgesetzt. Außerdem lässt sich die Gelegenheit nutzen, bei aller Kritik am Verhalten auf die Antwort Marks anerkennend zu reagieren: „Richtig, du hast das genau kapiert!“

Der weitere Gesprächsverlauf kann sich dann so fortsetzen, wie meine Bücher ihn inhaltlich variabel darstellen.

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Die Tochter fast umbringen


Wenn ich aber so wütend bin, dass ich meine Tochter „fast umbringen“ will?

So will ich die Inhalte einer Zuschrift zusammenfassen, die ich nicht hierherkopieren kann. Die Gedanken der Blog-Leserin sind ungeordnet aneinandergereiht.

Sie erzählt, dass sie ihre 15jährige Tochter aufgefordert hat, die Spülmaschine einzuräumen. Darauf entgegnete die Tochter, sie, die Mutter, solle doch ihren „Scheiß selber machen“ und sich von ihrem „Hengst decken lassen“, dann vergingen ihr solche dummen Sprüche. Daraufhin spürte die Mutter den Wunsch, ihre Tochter umzubringen. Sie schrieb, dass sie mehrmals schon bereut habe, dieses „Ungeheuer“ in die Welt gesetzt zu haben.

Ich gestehe ehrlich, dass mir eine Reaktion darauf schwerfällt. Und doch wenigstens ein paar Sätze dazu, da diese Zuschrift meinen Standpunkt (siehe letzten Beitrag vom 23. Oktober) kritisch aufs Korn nimmt!

Die Blog-Leserin erklärt, ihre Wut sei ein „furchtbares Gefühl“, da es die Wunschvorstellung befeuert, die eigene Tochter zu töten.

Ich übersetze das Anliegen der Blog-Leserin in die Frage:

Ist denn auch diese Wut okay und wichtig?

Im Blog und in meinen Büchern vertrete ich die Auffassung, dass wir auch Negativgefühle würdigen können und damit unsere (heil)pädagogischen Einflussmöglichkeiten weiten.

Selbstverständlich bin ich nicht der Meinung, dass fragliches Tötungsmotiv zu begrüßen sei. Allerdings bin ich überzeugt, dass dieses „furchbare Gefühl“ wertvolle Anteile enthält. Ich möchte es als ehrlich authentische Wiedergabe des mütterlichen Ergehens respektieren: Unserer Blog-Leserin geht es schlecht, die Kommunikation mit der Tochter passt nicht, etwas muss sich verändern, so kann es nicht weiter gehen!

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Diesen Befund regt dieses „furchtbare Gefühl“ an. Unsere Blog-Leserin kann denken: Meine Wut zeigt mir was. Meine Wut ist ein Alarmsignal und will, dass ich aktiv werde und mir Hilfe hole. Das will ich ernst nehmen und auf keinen Fall die Hände in den Schoß legen.

Eine familientherapeutische Sitzung könnte genau markieren, wo die Tochter ihre Grenzen weit überschreitet und wie sie sie einhalten kann. Dazu ist es notwendig, dass das „furchtbare Gefühl“ der Mutter als wichtiger Informant in Funktion kommt und therapeutische Ziele mitformuliert. Nichts kann diese Information über Veränderungsnotwendigkeiten überzeugender darstellen als eben dieses „furchbare Gefühl“.

Und genau darum kann es auch in diesem Extremfall ein großer Segen sein.