Geschwisterrivalität?


Liebe Blog-Leserinnen,

liebe Blog-Leser,

nach längerer Pause möchte ich einige Zuschriften thematisch zusammenfassen.

Sie bitten um Ratschläge, deren Umsetzung aggressives Verhalten bei Kindern im Kindergarten bewältigen soll.

Eine Mutter  beispielsweise klagt über Folgendes (Namen sind geändert):

„Wir haben 2 Söhne. Martin ist 3 Jahre alt und Gregory ist 9 Monate alt. Beide haben von Anfang an sehr viel Power, aber Martin ist seit geraumer Zeit sehr aggressiv gegenüber uns und seinem Bruder. Anfangs dachten wir, dass es die Eifersucht auf den kleinen Bruder ist. Aber so wie es aussieht ist es das nicht. Er hat einen Wutanfall nach dem anderen. Wir versuchen auch sehr viel auf ihn einzugehen, auch mit ihm allein was zu unternehmen. Seit März geht er in den Kindergarten. Er eckt überall an, schlägt andere Kinder, sodass sich die Eltern von denen schon bei uns beschwert haben. Ich schäme mich furchtbar! Vielleicht können Sie mir ein paar Tipps geben, was wir als Eltern unternehmen können.

Vielen herzlichen Dank.

Angela Huber“

Liebe Frau Huber,

aggressives Verhalten bei Kindern im Kindergarten ist auch in der Erzieher-Ausbildung ein zentrales Thema geworden. Studierende bitten mich immer wieder um Stellungnahmen hinsichtlich eskalierender Situationen in ihren Praktika. Kinder gehen aufeinander los, schlagen sich und sind kaum zu „bändigen“. Der Umgang mit aggressiven Kindern im Kindergarten gehört in den Arbeits- und Kompetenzbereich der meisten Pädagoginnen und Pädagogen.

Ihr Thema, liebe Frau Huber, ist also wahrscheinlich an allen Einrichtungen der Kinderbetreuung aktuell.

In meinen Büchern habe ich sechs Regeln aus der Arbeitspraxis entwickelt, deren Anwendung für viele Pädagogen hilfreich ist. Ich nenne sie Basalkriterien. Wir sind präsent (1), wir führen die Kinder und sprechen dabei mit ihnen (2), wir loben sie (3), wir schauen, was an ihren „Austickern“ okay sein könnte (4), wir fragen sie nach ihren Lösungsgedanken (5) und beziehen andere Kinder in die Lösungsdiskussion mit ein (6).

Sie erwarten von mir „ein paar Tipps“, Ratschläge also.
In systemischen Fachdiskussionen werden Ratschläge gerne als „Schläge“ ausgewiesen. Nicht zu Unrecht. Ein Ratschlag kann auch wehtun, vor allem dann, wenn er den Ratsuchenden als Unwissenden erscheinen lässt. Leicht entsteht dann ein Oben-unten-Verhältnis: Der Wisser gibt dem vermeintlich Ahnungslosen einen Rat und damit eine Ohrfeige, um es etwas drastisch zu formulieren. Denn dem so Beratenen verbleibt oft das Bewusstsein eigener Inkompetenz.

Wären wir jetzt, liebe Frau Huber, in einem Beratungsgespräch, müsste ich mich an mein Basalkriterium 5 halten und im einfühlsamen Dialog mit Ihnen Ihren eigenen Lösungsideen auf die Spur kommen.

Sie schreiben, „die Eifersucht auf den kleinen Bruder“ sei gewiss nicht wirksam. Fragen würde ich Sie, was Sie so sicher macht, dass Martin sich durch Gregory´s Erscheinen, durch diesen Familienzuwachs also, nicht zurückgesetzt fühlt. Was, wenn Martin sich durch seinen Bruder doch entthront fühlte?

Dann würde ich von Erfahrungen berichten, die andere Mutter in ähnlichen Situationen machen durften.

Eine Mutter kam zum Beispiel einmal im Beratungsgespräch auf die Idee, ihre vierjährige Tochter die Mahlzeit für den einjährigen Sohn mit zubereiten zu lassen. Eifrig rührte Tina den Brei, der für den Kleinen bestimmt war. Sie erhielt dafür Anerkennung: „Super, Tina, dass du den Brei so gut gerührt hast, da kann ihn sich Stefan jetzt richtig schmecken lassen!“ (Basalkriterium 3). Die Mutter hat noch viel mehr Gelegenheiten gefunden, Tina in der täglichen Sorge um Stefan einzusetzen. Es reichte, dass sie der Mama beim Windel-Legen die Puderdose reichte, um ihr das Gefühl zu vermitteln, dass die Gegenwart des jüngeren Bruders ihre Bedeutung und Wichtigkeit nicht minderte, sondern erhöhte. Die Folge war die Reduktion der Aggressionen Tinas gegen Stefan und letztlich ihre endgültige Bewältigung.

Liebe Frau Huber, was ich Ihnen da mitteile, ist kein Tipp, sondern nur die Erfahrung einer ideenreichen Mutter, die im systemischen Elterncoaching zu ihrer eigenen Kompetenz fand.
Und genau das wünsche ich Ihnen herzlich!

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Symptomtradition 2


Ein Sozialpädagoge nimmt Bezug auf den Beitrag vom 25. März. Am besten, Sie lesen ihn (nochmals). Und dann diese Zuschrift:

 

… denn auch wenn nach Ihrer Erfahrung oft „die Sympomtradition nicht griff“, wie Sie schreiben, kann sie doch mal da sein und wirken. Wenn eine Mutter also ihre Tochter nicht loben kann, weil sie selbst nie gelobt worden ist, dann ist das eben so, ob Sie das nun aus Ihrer Arbeitspraxis kennen oder nicht. Und was raten Sie dann? So frag ICH Sie jetzt und nicht die Blog-Leserin vom 25. März. Ich bin in keiner Psychotherapie und will es wissen.

 

Lieber Kollege,

besten Dank für Ihr Interesse.

Sie wollen wissen, was ich im Fall tatsächlicher Symptomtradition „raten“ würde.

Ich rate als Systemiker zu gar nichts, sondern bin fest davon überzeugt, dass in der ratsuchenden Person selbst die Lösung liegt. Im konsiliarischen Austausch geht es wesentlich darum, die angemessenen Fragen zu stellen, ressourcenorientierte Fragen, die der Lösung ans Licht verhelfen.

Ich hätte in unserem Fall zunächst mal nur eine schlichte Empathie-Frage parat. Von dieser Frage angeregt, könnte die Mutter die Freude ihres Kindes (nach)fühlen, wenn es Anerkennung und Lob erführe.

Allein die Frage „Was meinen Sie, wie geht es Ihrer Tochter, wenn Sie sie loben?“ kann die Symptomtradition aufbrechen und in der Mutter tiefe Sensibilität für die Notwendigkeit wecken, ihre Tochter immer wieder mit der Gabe des anerkennenden Wortes zu beschenken!

Auch das, lieber Kollege, gehört zu den Erfahrungen meiner langjährigen Arbeitspraxis.

 

Symptomtradition


Der letzte Eintrag hier in diesem Blog ist auf den 25. Februar datiert. Nach einem Monat also der nächste. So lange hat´s noch nie gedauert …

Die Zuschriften, die mich seither erreichten, schlossen sämtlich mit der ausdrücklichen Bitte, das jeweilige Anliegen nicht hier im Blog zu verwenden. Daran hab ich mich gehalten und einfach gewartet. Vor drei Tagen nun die Klage einer Mutter. Ich will diesen Text nicht direkt hierherkopieren, sondern nur kurz seinen Inhalt wiedergeben.

 

Frau Schmidtster (Name fingiert) fällt es schwer, ihre Tochter zu loben. Sie wisse zwar, dass das notwendig sei, aber irgendwie fühle sie Blockaden. Ihre Psychotherapeutin habe in einfühlsamer Arbeit mit ihr ermittelt, dass sie selbst als Kind nur wenig bis gar nicht gelobt worden sei. Daher könnte wohl das vorliegen, was die Psychologen Symptomtradition nennen: Probleme werden von einer Generation zur nächsten gereicht. Hier in Frau Schmidtsters Fall: Ich bin selbst nie gelobt worden, also kann ich das auch nicht.

Was soll ich machen? So die Frage der Blog-Leserin.

Liebe Frau Schmidtster, aus meiner Arbeitspraxis kenne ich genug „Fälle“, an denen dieses Phänomen Symptomtradition nicht griff. Frauen und Männer, die in ihrer Kindheit von ihren Eltern oft geprügelt und in schlimmster Weise niedergemacht wurden, bewährten sich selbst als liebevolle und fürsorgende Mütter und Väter. Hier im Blog und auch in meinen Büchern ist davon einige Male die Rede.

Damit will ich der Diagnose Ihrer Psychotherapeutin nicht widersprechen, sondern nur klären, dass die Symptomtradition kein zwingender Prozess oder Vorgang ist, vor dem man machtlos kapitulieren müsste.

Ihre Frage, was Sie machen sollen, zeigt, dass auch Sie eine Chance wittern. Gewiss sind Sie überzeugt, dass trotz möglicher „symptomtraditioneller“ Umstände gute Aussicht auf Korrektur oder Besserung besteht. Diese Frage ist ein Hoffnungsanlass! Super!

Und es fällt mir ganz schwer, Ihnen darauf zu antworten. Diese Frage, so meine Auffassung, liegt ganz in der Zuständigkeit Ihrer Psychotherapeutin. Wenden Sie sich doch bitte an sie! Und vielleicht haben Sie Lust zu klären, wie es kommt, dass Sie parallel zu dieser Psychotherapie zusätzlich psychologischen Rat einholen wollen.

Verbale Autoaggressionen 2


Liebe Blog-Leser*innen,

wieder erst in der vergangenen Woche bekam ich eine Zuschrift. Darum dieser heutige Beitrag eine Woche später. Die Zuschrift nimmt Bezug auf das letzte Thema „Verbale Autoaggressionen“ vom 04. Februar. Vielleicht mögen Sie den Text vom 04. Februar nochmals lesen. Denn die Zuschrift fokussiert daraus meine Antwortoption:

Viel wirksamer ist nach meiner Meinung, als Eltern oder Erzieher in solchen Momenten bei sich zu bleiben: „Ich erlebe dich anders. Und wenn du so über dich selbst sprichst, werd ich traurig. Mir passt das nicht!“

Die Blog-Leserin meint dazu (ich kopiere direkt hierher): „ … und dann sagt der Junge „Das ist mir egal, ob dich das trauzrig macht. Ich bin trotzdem ein Arsch!“ Und was sag ich dann?

 

Liebe Blog-Leserin,

das ist oft unser Problem: Kinder weisen unsere bestgemeinten Zusprachen zurück und signalisieren, dass unsere Erziehungsversuche offenbar scheitern.

Ich bleibe dabei: Keinem Kind ist egal, dass seine Traurigkeit die Mutter, den Vater und/oder die Erzieherin traurig macht. Jedes Kind will, dass seine Gefühle in der Gefühlswelt der Erzieher landen. Und nehmen die Kinder dies zur Kenntnis, werden unsere Erziehungsversuche zu wirksamen Beziehungsversuchen, mögen die Kinder zunächst auch den gegenteiligen Eindruck erwecken.

Mit dieser Auffassung in Kopf und Seele werde ich im oben geschilderten Fall rückmelden:

Du sagst, dir ist das egal, dass ich traurig werde, wenn du dich selbst als „Arsch“ bezeichnest. Und ich bleibe traurig. Ich möchte, dass du liebevoller mit dir sprichst. Ich finde beispielsweise super, dass du heute …

Na, und dann kann ein „blessing“ (siehe Beitrag vom 04. Februar) Ihre Stellungnahme konkret anreichern.

Verbale Autoaggressionen


Eine „schon beinahe verzweifelte Mutter“ schrieb mir letzte Woche, Ihr Sohn (3. Klasse Grundschule) attackiere sich selbst mit Negativaussagen wie:

„Oh ich bin das dümmste Kind das es gibt. (Er hat seine Hausaufgaben vergessen zu machen, obwohl er eine Woche Zeit dafür gehabt hätte.)

Ich bin so ein Idiot… (wenn er etwas vergessen hat.)

Ich bin so ein blöder Arsch…

Ich bin so dumm…“

Die Mutter versichert, sie wolle den Schmerz ihres Sohnes ernstnehmen. „ … ich vermittle ihm auch nicht das Gefühl, dass es Banalitäten sind … Es ist wie verhext und ich weiß mir derzeit wirklich kaum noch Rat“.

 

Liebe Blog-Leserin,

Sie haben völlig Recht: Nichts ist im Blick auf diese Thematik banal. Ich finde es super, dass Sie den Schmerz des Kindes nicht bagatellisieren, sondern ernstnehmen.

Kurz mein Standpunkt:
Es wäre nicht ratsam, Kinder, die sich selbst massiv aburteilen, mit eiligen Dementis zu versorgen: „Aber das stimmt doch nicht, du bist kein Idiot, du bist nicht dumm …“

Kinder werden dann mit hoher Wahrscheinlichkeit ihre negativen Selbstbefunde verteidigen und sich tiefer in ihre Selbstablehnung hineinreden.
Viel wirksamer ist nach meiner Meinung, als Eltern oder Erzieher in solchen Momenten bei sich zu bleiben: „Ich erlebe dich anders. Und wenn du so über dich selbst sprichst, werd ich traurig. Mir passt das nicht!“

Akute, hitzige Diskussionen über die Unangemessenheit dieser Selbstangriffe bringen zumeist nichts. Wohl aber an anderer Stelle des Tagesablaufes, vor allem an seinem Ende, ließe sich diesem Negativismus wirksam anhelfen.

 

Die Vertreter der sogenannten „Positiven Psychologie“ empfehlen Erwachsenen wie Kindern die Praxis des „Count Your Blessings“ (Zähle deine Segnungen).

Immer wieder am Abend könnten Sie an der Bettkante Ihren Sohn fragen, worüber er sich heute gefreut habe. Oder worüber er meine, dass Sie sich gefreut haben. Da würden dann mit Sicherheit erfreuliche Verhaltensweisen oder Wesenszüge Ihres Sohnes Thema. Sie kämen mit solchen Fragen in ein konstruktives Gespräch über ihn selbst, weit ab von jenen Szenen, die Sie zu Recht als problematisch betrachten.

Versuchen Sie es mal.

Emotionale Echtheit


Liebe Blog-Leserinnen,

liebe Blog-Leser,

bis vergangenen Mittwoch hatte ich keine Zuschrift erhalten. Darum verspätet sich mein Eintrag um eine Woche.

Eine Kollegin, die in einer heilpädagogischen Gruppe (vollstationäre Einrichtung) arbeitet, nahm Bezug auf die in meinen Büchern immer wieder formulierte Empfehlung, Kindern emotional authentisch zu begegnen. Die Freude der Betreuer und auch ihr Ärger sollten für Kinder echt und am besten unmittelbar erlebbar sein.

Hier ein Ausschnitt der Zuschrift. Sie hat mich sehr gefreut:

„Darum möchte ich Ihnen einfach danken. Ich habe als Sozialpädagogin endlich mal den Mut gehabt, zu meinen eigenen Gefühlen zu stehen. Das schreiben Sie ja immer wieder, dass man seine eigenen Gefühle nicht verstecken darf. Einem Jungen, der in unserer Gruppe wiederholt auf andere Kinder losgetreten hat, hab ich kürzlich laut gesagt, dass ich stinksauer und wütend bin, weil der sich an unsere Vereinbarung nicht hält. Wir haben mit ihm einen Verhaltensplan gemacht, demzufolge er keine Kinder mehr tritt. Er hat trotzdem wieder andere attackiert, und da bin ich ausgetickt und hab Emotionen gezeigt. Der Junge war zunächst echt irritiert und vielleicht sogar verschreckt. Ich hatte schon die Befürchtung, dass jetzt meine Beziehung zu dem Jungen belastet ist. Das Gegenteil ist der Fall. Wir verstehn uns top. Offenbar wollte er, dass ich auch als Gefühlsmensch erscheine … „

Maria und Josef Projetkivfiguren?


In den letzten zwei Wochen erreichte mich keine Zuschrift.

Ich möchte aber kurz Bezug nehmen auf ein Telefonat vom 2. Weihnachtsfeiertag.

Die Mutter eines Kindes, das unser heilpädagogisches Team vor langer Zeit betreut hatte, äußerte sich zum Blog-Eintrag vom 17. Dezember. Sie stellte die Frage, ob ein Kind, das zur Weihnachtsgeschichte Empathie-Fragen beantworte, eigene familiäre Erfahrungen oder Wünsche anklingen lasse.

Unbedingt, so meine Antwort!

Der Junge meinte (siehe 17. Dezember), Maria und Josef „haben sich nicht gestritten und haben deswegen auch keinen Stress gehabt“. Mit Sicherheit klangen da Impulse an, die gewiss aus der eigenen akuten Wirklichkeit kamen. Ich kann mich gut erinnern: Das zitierte Kind  hatte unter dem Dauer-Zwist seiner Eltern extrem gelitten und mit seiner Antwort auf die weihnachtliche Empathie-Frage seinen dringenden Wunsch nach familiären Frieden zum authentischen Ausdruck gebracht.

Jedes projektive Testverfahren aus der Psychodiagnostik setzt darauf, dass die Testpersonen zu Bildern, Gegenständen oder vorgelesenen Kurz-Geschichten eigene Geschichten erzählen und damit Innerseelisches erkennbar machen. Die Weihnachtsfiguren wären also, so gesehen, ein hervorragendes Mittel, aktuelle familiäre Themen „aufzustellen“ und hilfreich zu besprechen.

Die Auswahl dieses Bildes ist ganz projektiver Qualität! Es gibt meine Freude wieder auf jene Zeit, da die Natur sich erneuert und opulent grünt, meine Freude darauf, dass die Tage länger und hell sind.

Auch diesmal an Sie alle ein herzlicher Wunsch:
Mögen wir das neue Jahr mit Optimismus beginnen und möge dieser Optimismus weit über Silvester 2018 hinausreichen!