Doch Sucht?


Aus einer Zuschrift direkt hierher kopiert (es empfiehlt sich, den letzten Beitrag vom 01. Oktober in diesem Blog vorher nochmals zu lesen):

 

… nämlich aus eigener Erfahrung. Als ich vor 5 Jahren noch in einer heilpädagogisch orientierten Heimgruppe arbeitete, als Erzieherin, hab ich oft erlebt, dass einige Kinder von Verstärkern gar nicht genug bekommen konnten. Ein Kid wurde total aggressiv, nur weil der Junge nach den Hausix [Hausaufgaben, AH] seine drei Gummibärchen nicht bekam. Jedes Kind bekam nach den Hausix 3 Gummibärchen. Ich gab sie ihm nicht, weil er sich aufgeführt hat und aus Wut das Mathe-Arbeitsblatt zerrissen hat. Da hab ich nicht eingesehn, dass ich ihm nachher Gummibärchen geben soll. Als er sie nicht gekriegt hatte, ging er in die Küche und hat 4 schöne Teller zerschmissen. Ich kann mir gut vorstellen, dass der Junge süchtig nach Lob und Verstärkern war, sonst wäre er sicher nicht so ausgetickt …

 

Vorstellbar mag das für Sie, liebe Kollegin, sein. Ich glaube es nicht.

Überhaupt halte ich den Gebrauch des Wortes „Sucht“ in diesem unserem Zusammenhang für deplatziert. Sucht bezeichnet eine Abhängigkeit von Substanzen (Alkohol, Nikotin) oder Zwangsverhaltensweisen (Spielsucht, Kaufsucht, Kleptomanie, Computersucht), die betroffene Personen oft gegen ihren eigenen Willen durchführen.

Jesper Juul meint tatsächlich, Kinder könnten nach Lob süchtig werden. Damit verwendet er eine Störungssprache, die das, was Sie, liebe Kollegin, uns schildern, nach meiner Auffassung nicht richtig wiedergibt.

Wohl aber darf der Eindruck entstehen, dass der Junge, an den Sie sich erinnern, eine Abhängigkeit erkennen lässt. Abhängigkeit von Lob, von den drei Gummibärchen?

Ich unterrichte an einer Fachakademie für Sozialpädagogik das Fach Heilpädagogik.

Diese Frage möchte ich nun nicht gleich im Blog beantworten, sondern im Unterricht diskutieren. Vielleicht haben Sie, liebe Blog-Leserinnen, liebe Blog-Leser, auch Lust, sich mit dieser brisanten Frage selbst zu befassen und mir an meine Mail-Adresse (s.o.) oder hier einen Kommentar zu schreiben.

In zwei Wochen dazu hier im Blog Ausführliches.

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Sucht ohne Ende


Aus der Zuschrift einer Erzieherin direkt hierher kopiert:

 

„Vielleicht könnten Sie mir ganz kurz sagn, wieso sie loben ohne Angst, dass Sie das Kind süchtig machen. Bei uns im Team wird das ständig diskutiert, weil der Jesper Juul das vertritt und auch andere.“

 

Liebe Kollegin,

Sie fragen nach einem Standpunkt, den ich schon öfter hier im Blog erörtert habe. Nun, Sie wollen es „ganz kurz“. Ich versuch es:

Lob und Anerkennung sind wie Grundnahrungsmittel, mit denen psychische Grundbedürfnisse befriedigt werden. Kein Mensch kann ohne Lob und Anerkennung psychisch gesund bleiben. Unser Körper kann nicht überleben, wenn ihm keine Nahrung zugeführt wird. Dieses Faktum bleibt real, unbeschadet der Tatsache, dass es Essstörungen wir Adipositas (Fettleibigkeit) gibt. Die Möglichkeit der Sucht wird niemanden zu der Entscheidung veranlassen, nichts mehr zu essen.

Und dass es durchaus Menschen gibt, die narzisstische Überansprüche empfinden, darf uns im (heil)pädagogischen Arbeitsfeld keinesfalls den Verzicht auf Lob und Anerkennung aufnötigen.

Kurz genug?

Ciao, Ihnen viel Erfolg!

Aus dem Urlaub zurück


Liebe Blog-Leserinnen, liebe Blog-Leser,

nachdem nun der Urlaub auch in Bayern endgültig vorüber ist, steige ich in den Alltag und will wieder alle zwei Wochen hier auf diesem Forum Fachthemen kommentieren, die die Leser meiner Bücher anreißen.

Ich war nicht nur in Griechenland, sondern auch in Italien, in der Ewigen Stadt.

Wie ein Magnet zieht mich Rom an, jedes Jahr muss ich an den Tiber.

Auch der große Begründer der Psychoanalyse Sigmund Freud war vom Zauber dieser Stadt eingefangen. Als er 1901 das erste Mal Rom bereist hatte, schrieb er seinem Freund Wilhelm Fließ, diese Visite sei „ein Höhepunkt des Lebens“ gewesen.

Von da an pilgerte Freud noch sechs Mal an diesen Höhepunkt. Im September 1912 meldete er, dass er sich „durch die Luft und die Eindrücke dieser göttlichen Stadt gestärkt und erleichtert fühle“.

Dieser göttlichen Stadt! Man darf sich vergegenwärtigen, dass der Begründer der Psychoanalyse ein entschlossener Atheist war. Er selbst nannte sich einen „gottlosen Juden“. Und doch hatte Rom auf Sigmund Freud einen enormen atmosphärischen Einfluss. Vielleicht wurde dieser Einfluss seiner „Gottlosigkeit“ zumindest emotional hin und wieder gefährlich.

Vor dem „Moses des Michelangelo“ beispielsweise fand er in sich zweifellos religiöse Gefühle vor. Diese eindrucksvolle Statue steht in der Kirche San Pietro in Vincoli in der Nähe des Kolosseums.

 

Ich befasse mich mit diesem Thema zurzeit etwas genauer. Vielleicht rinnen mir mal dazu später ein paar Zeilen mehr aus der Feder.

Also, auf ein Neues hier!

Re-Alltagsgrüße

Anton Hergenhan

Kinder sind uns Freude


Fast wie Iphigenie auf Tauris hatte ich in den letzten Wochen tiefe Sehnsucht nach Griechenland.

Goethe lässt die Unglückliche, fern der Heimat, in diesem bewegenden Drama sagen:

Und an dem Ufer steh ich lange Tage, das Land der Griechen mit der Seele suchend

An dieses Heimweh Iphigeniens denke ich stets, wenn im Sommer Meer, Sonne und mediterrane Küche paradiesischen Glücksgefühlen weiten Raum bieten.

Ich erlebe hier Eltern, die mit ihren Kindern an den Stränden Spaß haben und ihnen die Gewissheit vermitteln, dass sie, die Kinder, für sie, die Erziehenden, eine Freude seien.

 

Mit einigen Ehemaligen, so nenne ich die Erwachsenen, die ich vor langer Zeit in unserer heilpädagogischen Einrichtung jeweils einige Jahre bereut hatte, treffe ich mich hin und wieder. Auf die Frage, was Ihnen besonders gutgetan habe, höre ich wiederholt: „Wenn du so richtig dreckig gelacht hast, wenn wir den Eindruck hatten, dass wir euch Erwachsenen Spaß machen!“

Eine erhellende Antwort! Die Kinder können uns Freude machen! Wenn dem so ist, tun wir gut daran, ihnen dies, wie auch immer, mitzuteilen.

Sonnige Urlaubsgrüße

Anton Hergenhan

Ich bin meinem Papa wichtig


Liebe Blog-Leserinnen,

liebe Blog-Leser,

es ist gar nicht mein Stil, den 14-Tage-Turnus kommentarlos zu unterbrechen und mich dermaßen spät mit einem neuen Beitrag zu melden.

Ein akut schmerzhafter Hexenschuss hat mir alle Freude an psychologischen Reflexionen vergällt.

Am 25. Juni stellte ich in Aussicht, meinen Standpunkt ein wenig zu begründen. Vielleicht ist es günstig, sich die Inhalte vom 11. Juni und vom 25. Juni nochmals zu vergegenwärtigen. Wenn Sie diese beiden kurzen Texte durchgehen, haben Sie thematischen Anschluss.

An der Fachakademie für Sozialpädagogik in Aubing, an der ich das Fach Heilpädagogik unterrichte, legte ich den Studierenden den Blog-Text mit der Bitte um Stellungnahme vor. Das Votum der meisten hieß: Der Vater hätte nach dem ersten tätlichen Angriff des Sohnes energisch seine Grenzen setzen müssen. Wäre der Sohn dann ein zweites Mal aggressiv in Erscheinung getreten, hätte der Vater die Eis-Aktion abbrechen sollen.

Mein Standpunkt unterscheidet sich ein wenig und erhebt zugleich keineswegs den Anspruch, richtig oder „richtiger“ zu sein: Bereits nach dem ersten Tritt des Jungen in die rechte Wade des Vaters war der sofortige Abbruch der Eis-Aktion angezeigt; zudem die coram publico laute Warnung, sich solcherlei Aggressionen nie wieder zu erlauben.

Diese Strenge, für die ich hier plädiere, erscheint vielleicht sehr hart.

Vielleicht hätte ich vor 25 Jahren, also unmittelbar nach dem Psychologiestudium, wie die Studierenden die „weichere“ Variante favorisiert. Heute sehe ich mit den Augen jener vielen Kinder, die mir inzwischen begegnet sind. Und die haben mich überzeugt: Kein Kind will seine Eltern treten (dürfen). Es steht Wertvollstes auf dem Spiel: die Beziehung zum Vater, zur Mutter. Dies war in diesem Blog schon mehrmals Thema. Ein Junge, der seinen Vater tätlich attackiert und nicht sofort eine absolut undurchlässige Grenze erlebt, erlebt zugleich tiefste Unsicherheit. Diese Unsicherheit will ich in die Kind-Sprache übersetzen: Ich darf meinen Papa treten? Berührt ihn das nicht? Ist ihm das gar nicht so wichtig? Bin ich selbst ihm vielleicht nicht wichtig?

Genau diese existentiell hochbedeutsamen Fragen müssen sich entweder erübrigen, oder sie werden sofort erlebnisintensiv beantwortet. Die Beendigung der Eis-Aktion gleich nach dem ersten Angriff wäre eine überzeugende Antwort und hieße für den Jungen: Ich hab meinem Papa wehgetan. Sein Ärger und seine Wut zeigen mir, dass ich in der Lage bin, in ihm intensive Gefühle zu erzeugen. Das kann ich nur, weil ich für meinen Papa Bedeutung habe. Ich bin ihm wichtig.

Selbstverständlich wird dieses ganze Geschehen dann zu Hause mit dem Jungen und mit dem Mädchen am besten im Beisein der Mutter ausführlich besprochen mit dem Ziel, familiären Frieden zu reparieren.

Gerne wiederhole ich, dass ich diesen Standpunkt nicht wie ein Dogma verteidige. Ich halte ihn freilich für angemessen, garniere ihn aber nicht mit päpstlicher Unfehlbarkeit.

Eis aus!


Liebe Blog-Leser,

auf meine Einladung zur Wortmeldung reagierten insgesamt drei Kolleginnen und ein Kollege. Dies unterschreitet zwar meine Erwartungen, ich möchte aber das Glas unbedingt halbvoll sein lassen. So freu ich mich darüber und danke herzlich.

Eine Zuschrift plädiert für eine Reduktion der angekündigten Eis-Dosis auf eine Kugel gleich nach dem ersten Tritt des Jungen gegen den Vater. Das Mädchen sollte, wie besprochen, zwei Kugeln bekommen.

Die anderen drei schlagen für diesen Zeitpunkt die sofortige Beendigung der Eis-Aktion vor. Der Vater sollte mit den beiden Kindern sofort „das Feld verlassen“. Sie räumen ein, dass dann das Mädchen „mitbestraft“ würde, betrachten aber dies als „kleineres Übel“.

 

Mein Standpunkt neigt sich dem der drei zu, allerdings würde ich dieses „kleinere Übel“ nicht in Kauf nehmen, sondern mit dem Mädchen einen möglichen Eis-Ersatz besprechen.

Ich bin zurzeit dabei, Abschlussprüfungen (Erzieherausbildung) zu korrigieren, die Ende letzten Monats an der Fachakademie für Sozialpädagogik in Aubing abgelegt wurden (Hans-Weinberger-Akademie). Das okkupiert mich ziemlich, sodass ich keine Energie habe, meinen Standpunkt inhaltlich genauer zu erläutern.

In zwei Wochen mach ich das.

Papa, du bist blöd, drei Kugeln!


Liebe Blog-Leserinnen,

liebe Blog-Leser,

in den vergangenen zwei Wochen traf keine Zuschrift ein.

Gern aber erzähl ich Ihnen kurz, was sich heute Abend ereignet hat:

Mit einer Kollegin reihte ich mich in die lange Schlange, die sich vor einer Münchner Eisdiele bildete; direkt vor uns ein Vater mit zwei Kindern gleichen Alters (etwa 4 Jahre alt), vermutlich zweieiige Zwillinge. Der Junge rief des Öfteren: „Drei Kugeln!“ Der Vater erwiderte: „Nein, zwei Kugeln, mehr esst ihr ja doch nicht!“ Diese Sequenz wiederholte sich mehrere Male.

Dann trat der Junge dem Vater fest in die rechte Wade. Der Vater blickte peinlich berührt um sich und verbat sich diese Aggression mit leiser Stimme: „Mach das doch nicht!“ Der Junge: „Papa, du bist blöd, drei Kugeln!“ Der Vater erneuerte das offenbar zuvor vereinbarte Limit: „Nein, zwei Kugeln!“ Der Junge schwang wieder seinen Fuß und traf den Vater diesmal an der Verse.

Nun bemühte sich der Papa, diesen wiederholten Angriff zu ignorieren. Der Junge wurde wieder laut und verstummte, als die drei endlich „dran“ waren und der Eisverkäufer sich nach ihren Wünschen erkundigte. Der Vater bestellte für jeden, also auch für sich, zwei Kugeln, blieb also konsequent bei der angekündigten Dosis. Der Junge hatte sich völlig beruhigt und gab sich mit den zwei Kugeln zufrieden.

Im Auto entfaltete sich zwischen meiner Kollegin und mir eine heiße Diskussion. Wie war das Verhalten des Vaters einzuordnen? War es „richtig“? Was hätte er tun sollen, können, müssen?

Ich will die Inhalte dieser Auseinandersetzung nicht gleich aufbieten, sondern Sie, liebe Blog-Leserinnen, liebe Blog-Leser zu Wort kommen lassen. Vielleicht haben Sie Lust, mir dazu Ihren Standpunkt zu erläutern oder direkt hierher einen Kommentar zu schreiben. Ich würde mich darüber freuen.

In ganz sonniger Stimmung

Anton Hergenhan