Maria und Josef Projetkivfiguren?


In den letzten zwei Wochen erreichte mich keine Zuschrift.

Ich möchte aber kurz Bezug nehmen auf ein Telefonat vom 2. Weihnachtsfeiertag.

Die Mutter eines Kindes, das unser heilpädagogisches Team vor langer Zeit betreut hatte, äußerte sich zum Blog-Eintrag vom 17. Dezember. Sie stellte die Frage, ob ein Kind, das zur Weihnachtsgeschichte Empathie-Fragen beantworte, eigene familiäre Erfahrungen oder Wünsche anklingen lasse.

Unbedingt, so meine Antwort!

Der Junge meinte (siehe 17. Dezember), Maria und Josef „haben sich nicht gestritten und haben deswegen auch keinen Stress gehabt“. Mit Sicherheit klangen da Impulse an, die gewiss aus der eigenen akuten Wirklichkeit kamen. Ich kann mich gut erinnern: Das zitierte Kind  hatte unter dem Dauer-Zwist seiner Eltern extrem gelitten und mit seiner Antwort auf die weihnachtliche Empathie-Frage seinen dringenden Wunsch nach familiären Frieden zum authentischen Ausdruck gebracht.

Jedes projektive Testverfahren aus der Psychodiagnostik setzt darauf, dass die Testpersonen zu Bildern, Gegenständen oder vorgelesenen Kurz-Geschichten eigene Geschichten erzählen und damit Innerseelisches erkennbar machen. Die Weihnachtsfiguren wären also, so gesehen, ein hervorragendes Mittel, aktuelle familiäre Themen „aufzustellen“ und hilfreich zu besprechen.

Die Auswahl dieses Bildes ist ganz projektiver Qualität! Es gibt meine Freude wieder auf jene Zeit, da die Natur sich erneuert und opulent grünt, meine Freude darauf, dass die Tage länger und hell sind.

Auch diesmal an Sie alle ein herzlicher Wunsch:
Mögen wir das neue Jahr mit Optimismus beginnen und möge dieser Optimismus weit über Silvester 2018 hinausreichen!

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Mit Kindern Weihnachten feiern


Liebe Blog-Leserinnen,
liebe Blog-Leser,

wie feiern wir mit Kindern Weihnachten?

Diese Frage ist in vielen Einrichtungen der Kinderbetreuung inzwischen ein Politikum geworden. Werden konfessionslose oder muslimische Kinder von diesem christlichen Fest vereinnahmt bzw. religiös indoktriniert?

Für mich ist diese Frage sattsam beantwortet, und zwar von den Kindern selbst. Kein muslimisches Kind konvertiert christlich, wenn es die Spannung und anrührende Dynamik der Weihnachtsgeschichte etwa im Rahmen einer Feier in der Kita mitverfolgt.

Nach Verlesen dieser Geschichte können Kinder treffsicher und einfühlsam Empathie-Fragen beantworten. Wie ging es Maria, als sie nach der langen Reise ihr Kind gesund auf die Welt bringen konnte – in dem Stall von Bethlehem?

 

„Die hat sich gefreut, und der Papa, der Josef, war ganz stolz!“

„Die haben gar kein Krankenhaus und gar kein vornehmes Hotel gebraucht. Die haben sich nicht gestritten und haben deswegen auch keinen Stress gehabt, die haben sich gemocht, und das ist total cool!“

Solche Antworten signalisieren ein Verständnis, das sich in einem feierlichen Rahmen entwickeln kann.
Ich habe es oft erlebt: Kinder fühlen keinerlei Konfessions- oder Glaubenspflichten, wenn sie die familienpsychologische Tiefe dieses schönen Festes ausleuchten.

Ich wünsche Ihnen allen eine frohe und erholsame Weihnachtszeit!

Anton Hergenhan

Heilige Kinder?


Aus einer Zuschrift direkt hierherkopiert:

 

.. denn ich bin keine Erzieherin oder sonstwas. Als einfache Mutter werd ich sehr wohl von meinen Kindern verarscht, wen ich so inkosequenz wie Sie bin und Strafen auslasse. Sie haben wahrscheinlich nur heilige Kinder wo Sie arbeiten.

 

Liebe Blog-Leserin,

heilige Kinder?

Bei dieser Ihrer Vermutung schießen mir ganz unheilige Erinnerungen ins Bewusstsein. In meinem ersten Buch („Aggressive Kinder?“) erwähne ich, dass mir ein Junge in den Sack getreten hat (S. 11). In „Wenn Lukas haut“ können Sie lesen, wie ich damit zurechtkommen muss, dass mir „Kurt“ auf den Rücken schlägt, in die Nierengegend, und mich als „Scheißkerl“ beschimpft (S. 90).

Wenn Sie die Erfahrung machen, dass Sie von Ihren Kindern „verarscht“ werden, wenn Sie inkonsequent erscheinen, bleiben Sie konsequent.

Nichts spricht dagegen, gar nichts! Darum gilt Ihnen angesichts Ihrer Konsequenz-Entscheidung mein tiefster Respekt!

Ich selbst habe oft erlebt, dass Kinder Strafen mit Selbstentwertung verknüpfen. Deswegen meine Neigung zur Inkonsequenz, die, das räume ich nochmals ein, schwer ins Auge gehen kann!

Etwas Erfreuliches: Mein erstes Buch „Aggressive Kinder?“ erschien in tschechischer Sprache. Ganz kindlich stolz bin ich darauf!

Zu viel des Guten?


Für heute habe ich die Antwort auf die Frage angekündigt:

Was also, so die Frage, würde ich machen, nachdem sich der Junge „aufgeführt hat und aus Wut das Mathe-Arbeitsblatt zerrissen hat“?

Vielleicht wollen Sie, um den thematischen Anschluss herzustellen, (nochmals) die Zuschrift der Kollegin und meine Antwort darauf lesen (Eintrag vom 16. Oktober).

 

Ich würde dem Jungen, der das Arbeitsblatt zerrissen hat, die 3 Gummibärchen geben und einen Lösungsdialog anregen. Ich nenne den Jungen David. Der kurze Dialog setzt nach der Hausaufgabenzeit an. Das Mathe-Arbeitsblatt ist also atomisiert, die Kinder nehmen ihre positiven Verstärker entgegen. Nun ist David dran.

Ich:
David, wenn ich dir jetzt die 3 Gummibärchen gebe, bin ich eigentlich ungerecht. Die anderen haben ihre Hausix super hinbekommen.
Was, meinst du, ist da eigentlich ungerecht?

David:
Ja, ja, ich hab Scheiß gemacht, die anderen nicht.

Ich:
Genau David, Du checkst das super.
Was erwarte ich, was erwarten wir alle morgen von dir?

David:
Dass ich keinen Scheiß baue und die blöden Hausix mache.

Ich:
Richtig, wieder genau kapiert! Wir verlassen uns darauf.

Nach diesem Dialog wird er von mir die 3 Gummibärchen bekommen.

Ihr lauter und entschlossener Protest, liebe Leserinnen und Leser, dringt mir bereits bei der Niederschrift an die Ohren.

Darum betone ich wie so oft: Ich äußere hier einen Standpunkt, der nicht richtig sein muss, der keineswegs ex cathedra, also unfehlbar formuliert sein will.

Lerntheoretisch ist meine Reaktion massiv kritisierbar. Die 3 Gummibärchen könnten den rüden Umgang mit dem Mathe-Arbeitsblatt positiv verstärken. Der Junge fühlt sich darum vielleicht eingeladen, auch am nächsten Tag „die Sau rauszulassen“: in der verheerenden Gewissheit, dass der Betreuer wieder dumm und nachsichtig sein wird.

Alles das kann sein und meine Rücksicht auf Davids Selbstwertbilanz ad absurdum führen. Wie immer: Fehler liegen chronisch auf der Lauer.

Und doch: Solcherlei Inkonsequenz wurde in den mittlerweile 25 Jahren, die ich mit verhaltensauffälligen Kindern zusammenarbeite, noch nie in dieser Weise missbraucht: Kein Kind hat dieses „Zuviel des Guten“ als Einladung zu unerwünschtem Verhalten interpretiert, kein einziges!

Sucht nach Lob: ein letztes Mal


Wie vor zwei Wochen in Aussicht gestellt, liefere ich zum Thema „Lob macht süchtig“ heute Ausführlicheres.

Ich habe am vergangenen Mittwoch an der Fachakademie für Sozialpädagogik in Aubing 52 Studierenden (Ausbildungsziel: staatlich anerkannte/r Erzieher/in) die Zuschrift der Kollegin (siehe hier im Blog, 16. Oktober) an die Wand gebeamt. Nach Lektüre bat ich sie, sich an einer geheimen Abstimmung zu beteiligen. Das jeweilige Votum sollte auf die Frage reagieren: Kann Lob süchtig machen?

Ergebnis:

67 %    Ja, Sucht ist möglich.

33 %   Nein, Lob macht nicht süchtig.

Ich weiß, dass diese Abstimmung und ihr nur bipolares Ergebnis (ja oder nein) die ganze komplexe Thematik keineswegs einfängt. Mir ging es zu diesem Zeitpunkt nicht um eine differenzierte Diskussion, sondern nur um die Dokumentation einer Momentan-Stimmung. Und die richtete sich mit Zweidrittel-Mehrheit gegen meinen Standpunkt. Ich begrüße das selbstständige Urteil der Studierenden. Zeigt es doch, dass sie sich keineswegs als Kopien der Lehrkraft begreifen.

Und die denkt nun Folgendes:

In heilpädagogischen Arbeitszusammenhängen begegnen wir größtenteils Kindern, deren Selbstwert schwer ramponiert ist. Dass Kinder, die kaum positives Feedback erfahren haben, intensiv nach dem bislang Fehlenden gieren, halte ich nicht für den Ausdruck von Sucht, sondern für ein nachdrückliches Signal besonderer Bedürftigkeit. Jedes Gummibärchen mag da ein fühlbarer Repräsentant für das lang ersehnte Wohlwollen der unmittelbaren Umwelt sein. Es sichert zu: Du hast was gut gemacht, Du bist wertvoll und willkommen.

So gesehen, kann man durchaus von Abhängigkeit sprechen, nicht aber von Sucht.

Diese Abhängigkeit gehört zu uns allen. Unsere psychische Verfassung hängt wesentlich davon ab, ob wir in der Lage sind, unsere Beziehungen so zu gestalten, dass wir genau das hören, wofür die Gummibärchen stehen: Du hast was gut gemacht, Du bist wertvoll und willkommen.

Darum gibt es zwischen dem Jungen, von dem unsere Blog-Teilnehmerin erzählt, und uns nach meiner Auffassung keinen qualitativen Unterschied. Pointiert: Wir alle sind abhängig vom positiven Echo unserer Mitmenschen.

Dies löst freilich das Problem nicht, das die Kollegin sehr plausibel schildert.

Was also, so die Frage, würde ich machen, nachdem sich der Junge „aufgeführt hat und aus Wut das Mathe-Arbeitsblatt zerrissen hat“?

Darüber in zwei Wochen. Ich bin mehrfach von Blog-Lesern gemahnt worden: Zu lange Beiträge werden nicht gelesen.

Doch Sucht?


Aus einer Zuschrift direkt hierher kopiert (es empfiehlt sich, den letzten Beitrag vom 01. Oktober in diesem Blog vorher nochmals zu lesen):

 

… nämlich aus eigener Erfahrung. Als ich vor 5 Jahren noch in einer heilpädagogisch orientierten Heimgruppe arbeitete, als Erzieherin, hab ich oft erlebt, dass einige Kinder von Verstärkern gar nicht genug bekommen konnten. Ein Kid wurde total aggressiv, nur weil der Junge nach den Hausix [Hausaufgaben, AH] seine drei Gummibärchen nicht bekam. Jedes Kind bekam nach den Hausix 3 Gummibärchen. Ich gab sie ihm nicht, weil er sich aufgeführt hat und aus Wut das Mathe-Arbeitsblatt zerrissen hat. Da hab ich nicht eingesehn, dass ich ihm nachher Gummibärchen geben soll. Als er sie nicht gekriegt hatte, ging er in die Küche und hat 4 schöne Teller zerschmissen. Ich kann mir gut vorstellen, dass der Junge süchtig nach Lob und Verstärkern war, sonst wäre er sicher nicht so ausgetickt …

 

Vorstellbar mag das für Sie, liebe Kollegin, sein. Ich glaube es nicht.

Überhaupt halte ich den Gebrauch des Wortes „Sucht“ in diesem unserem Zusammenhang für deplatziert. Sucht bezeichnet eine Abhängigkeit von Substanzen (Alkohol, Nikotin) oder Zwangsverhaltensweisen (Spielsucht, Kaufsucht, Kleptomanie, Computersucht), die betroffene Personen oft gegen ihren eigenen Willen durchführen.

Jesper Juul meint tatsächlich, Kinder könnten nach Lob süchtig werden. Damit verwendet er eine Störungssprache, die das, was Sie, liebe Kollegin, uns schildern, nach meiner Auffassung nicht richtig wiedergibt.

Wohl aber darf der Eindruck entstehen, dass der Junge, an den Sie sich erinnern, eine Abhängigkeit erkennen lässt. Abhängigkeit von Lob, von den drei Gummibärchen?

Ich unterrichte an einer Fachakademie für Sozialpädagogik das Fach Heilpädagogik.

Diese Frage möchte ich nun nicht gleich im Blog beantworten, sondern im Unterricht diskutieren. Vielleicht haben Sie, liebe Blog-Leserinnen, liebe Blog-Leser, auch Lust, sich mit dieser brisanten Frage selbst zu befassen und mir an meine Mail-Adresse (s.o.) oder hier einen Kommentar zu schreiben.

In zwei Wochen dazu hier im Blog Ausführliches.

Sucht ohne Ende


Aus der Zuschrift einer Erzieherin direkt hierher kopiert:

 

„Vielleicht könnten Sie mir ganz kurz sagn, wieso sie loben ohne Angst, dass Sie das Kind süchtig machen. Bei uns im Team wird das ständig diskutiert, weil der Jesper Juul das vertritt und auch andere.“

 

Liebe Kollegin,

Sie fragen nach einem Standpunkt, den ich schon öfter hier im Blog erörtert habe. Nun, Sie wollen es „ganz kurz“. Ich versuch es:

Lob und Anerkennung sind wie Grundnahrungsmittel, mit denen psychische Grundbedürfnisse befriedigt werden. Kein Mensch kann ohne Lob und Anerkennung psychisch gesund bleiben. Unser Körper kann nicht überleben, wenn ihm keine Nahrung zugeführt wird. Dieses Faktum bleibt real, unbeschadet der Tatsache, dass es Essstörungen wir Adipositas (Fettleibigkeit) gibt. Die Möglichkeit der Sucht wird niemanden zu der Entscheidung veranlassen, nichts mehr zu essen.

Und dass es durchaus Menschen gibt, die narzisstische Überansprüche empfinden, darf uns im (heil)pädagogischen Arbeitsfeld keinesfalls den Verzicht auf Lob und Anerkennung aufnötigen.

Kurz genug?

Ciao, Ihnen viel Erfolg!